steiermark
06/13/2014

"Wir konnten die Listerienherde nicht finden"

Prozess vertagt. Bakterienbelasteter Quargel soll mitschuld sein am Tod von sieben Menschen.

von Elisabeth Holzer

Mir ist das unsäglich unter die Haut gegangen. Deshalb bin ich früher in Pension gegangen", beteuert der Angeklagte, einst einer der beiden Geschäftsführer von Prolactal. "Wenn Menschen durch unser Produkt zu Schaden gekommen sein sollen, bedaure ich das zutiefst."

Der Pensionist und sein ehemaliger Kollege sind die einzigen der fünf Angeklagten im Listerien-Prozess, die sich schuldig bekennen. "Ex post betrachtet, hätte ich früher reagieren müssen, das Werk schließen und den Rückruf veranlassen." Das hätte bereits am 12. Jänner 2010 passieren sollen, als von einem deutschen Diskonter Testergebnisse stark belasteter Quargelproben kamen. Doch von denen habe er nichts erfahren.

Gestoppt wurde die Herstellung im oststeirischen Werk aber erst am 19. Jänner, also eine Woche später. Da hatten auch österreichische Behörden schon Proben gezogen und gleiche Ergebnisse vorgelegt. "Nach dem Gespräch am 19. Jänner war ich ziemlich fertig", schildert der Angeklagte. Laut Staatsanwaltschaft soll der belastete Käse zumindest mitschuld am Tod von sieben Menschen sein.

Auslöser nie gefunden

Aber niemand fragt im Prozess danach, weshalb nicht schon vorher gehandelt wurde. Vielleicht, weil der Ex-Manager indirekt eine mögliche Antwort schon vorweg nimmt. "Wir haben nicht gewusst, wo sind die Listerienherde. Wir konnten sie nicht finden, bis heute nicht."

Dass es ein Problem mit Listerien gab, sei jedoch evident gewesen, gesteht der Angeklagte. "Wir haben ja eine Menge Maßnahmen gesetzt. Aber die haben nicht den gewünschten Erfolg gebracht." An den Tagen ohne Quargelproduktion sei "ganz massiv" gereinigt worden. Verschiedene Tests nach qualitativer und quantitativer Belastung seien durchgeführt worden. "Die haben eine gewisse Messtoleranz." Aber niemals sei Käse mit positiven Proben ausgeliefert worden. "Über gesundheitliche Beeinträchtigungen, gar Todesfällen, war nichts bekannt." Das habe er erst am 19. Jänner 2010 erfahren. Der Rückruf bereits ausgelieferter Ware folgte weitere vier Tage später.

Der Prozess wird im Juli fortgesetzt.

100 Kolonie bildende Einheiten pro Gramm. Fünffach-Probe. Wissenschaftliches Projekt zum Monitoring. Falsch-positive Begleitflora. Säße da nicht Andreas Peilowich in seinem Rollstuhl ganz am Rand der ersten Reihe im Gerichtssaal, der Prozess um den mit Listerien belasteten Quargel hätte kein Gesicht. Sondern bestünde aus Zahlen und Messwerten.

Der 54-Jährige kann nur noch schwer sprechen, nachdem er an Gehirnhautentzündung erkrankte und im Koma lag. Wie bei den sieben Todesopfern und den neun übrigen, im Strafantrag genannten Schwerverletzten gibt die Staatsanwaltschaft auch an Peilochwichs Schicksal die Schuld verseuchtem Käse: Prolactal als Verband, vier ehemalige Mitarbeiter und der Leiter eines externen Labors sind angeklagt. Sie sollen Ende 2009, Anfang 2010 Käse mit zu hoher Listerienbelastung ausgeliefert beziehungsweise nicht rechtzeitig aus Supermärkten zurückholen haben lassen. Laut Gutachter ist die Listeriose „zumindest mitverantwortlich“ für den Tod von sieben Menschen.

Bis zu drei Jahre Haft

Staatsanwalt Stefan Strahwald sieht darin fahrlässige Gemeingefährdung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Bis zu drei Jahre Haft stehen darauf. „Der Vorwurf ist nicht, dass Listerien im Werk waren und geblieben sind“, erläutert Strahwald. Der relevante Sorgfaltsverstoß betreffe etwas anderes: „Es wurden gesundheitsschädliche Lebensmittel in den Verkehr gebracht.“ Dass das Problem bekannt gewesen sei, belege die Suche nach der Ursache: Abwasserproben wurden genommen, Produktproben, sogar Stuhlproben von Mitarbeitern.

Die beiden ehemaligen Geschäftsführer zeigen sich geständig, wenn auch verhalten. „Wenn aus der Ex-Postsicht der Rückruf zu spät veranlasst worden ist, dann wird sich mein Mandant für schuldig erkennen“, betont ein Verteidiger. Sein Kollege Oliver Plöckinger, der neben einem Ex-Manager auch Prolactal als Firma vertritt, formuliert ähnlich: Als Anfang Jänner 2010 wieder ein positives Ergebnis gemeldet wurde, „hätte mein Mandant die Verantwortung übernehmen sollen. Er steht dazu. Die Schrecksekunde war zu lang.“

Später Rückruf

Die „Schrecksekunde“ dauerte im Fall der Produktion bis 19. Jänner, erst da wurde gestoppt. Beim Rückruf längst ausgelieferter Ware sogar bis 23. Jänner. „Aber aus meiner Sicht war das Ergebnis bereits am 7. Jänner eindeutig“, kommentiert der mitangeklagte Leiter des Prüflabors. Eine Listerienbelastung sei im Herbst 2009 zwar da gewesen, aber nicht auffällig. Das habe sich nach dem Jahreswechsel rasant geändert. „Dieses Ergebnis ist von uns auch so kommuniziert worden, dass das einen Rückruf beinhaltet hätte.“

Richter Raimund Frei hakt nach: Sei der Käse schädlich gewesen? Der Prüfer weicht aus. „Das ist ein anderer Begriff. So ein Produkt gilt als nicht sicher.“ Er selbst betrachtet sich übrigens als „absolut nicht“ schuldig.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Was sind Listerien und wie kann man sich schützen?

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