Silvesterpfad 2015/’16 in der City: Trotz damaliger Terrorgefahr wurde in Wien Walzer getanzt

© KURIER/Gerhard Deutsch

Jahreswechsel
12/21/2016

Wiener Silvesterpfad trotzt der Terrorangst

Polizei verteilt Taschen-Alarme an Besucher. Veranstalter kündigen Rücksprache mit Behörden an und wollen bei Bedarf reagieren.

von Michael Berger

Trotz des verheerenden Terroranschlages in Berlin hält Wien am Silvesterpfad und den Weihnachtsmärkten fest. "Eine Absage des Silvesterpfades steht nicht im Raum", versicherte eine Sprecherin des Veranstalters, der Stadt Wien. Die Betreiber des Christkindlmarktes vor dem Wiener Rathaus warteten Dienstagnachmittag in Bezug auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen noch auf Empfehlungen des Innenministeriums. Sprecher Andreas Zenker erklärte: "Ob es Veränderungen der bestehenden Vorkehrungen geben wird, muss der polizeiliche Krisenstab entscheiden. Das aufrechte Sicherheitskonzept mit einer Einsatzzentrale und Securitys vor Ort bleibt vorerst aufrecht."

"Die Landespolizeidirektion steht in Kontakt mit den Veranstaltern der Christkindlmärkte und des Silvesterpfades. Die aktuellen Sicherheitskonzepte werden überprüft", betonte Polizeisprecher Patrick Maierhofer.

Kontakt mit Berlin

Mit Solidaritätskundgebungen und Hilfsangeboten reagierte die Wiener Stadtregierung auf den Terroranschlag. "Wir haben den Berliner Bürgermeister Michael Müller kontaktiert und unsere Unterstützung angeboten", betonten Bürgermeister Michael Häupl und Vize-Stadtchefin Maria Vassilakou. Häupl weiter: "Die einzige Antwort auf diesen Anschlag muss sein, dass wir unser Leben weiter so leben, wie wir es wollen. Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen."

"Keine Betonmauern"

Der SPÖ-Grande sprach von einem "Anschlag auf alle Städte Europas". Und Häupl konnte der Poller-Diskussion in Deutschland (ausfahrbare Betonpfeiler auf Veranstaltungsflächen und Straßen) nichts abgewinnen: "Ich will keinen Christkindlmarkt hinter Betonmauern." Ähnlich argumentierte Innenminister Wolfgang Sobotka: "Ich rufe die Bevölkerung auf, sich vom Terror nicht die Lebensgewohnheiten nehmen zu lassen. Konkrete Hinweise zu einem Anschlag in Österreich gibt es nicht."

Dienstagmittag wollte Sobotka das Sicherheitskonzept für die Silvesternacht 2016/’17 vorstellen. Die Berliner Schreckensnacht von Montag kam der Präsentation zuvor. Tatsache ist, dass die Exekutive vor allem in Wien alle Kräfte auf die Straße bringen wird. Denn es gilt nicht nur, einem eventuellen Terror-Szenario zu trotzen. Gerade auf dem beliebten Silvesterpfad mit 600.000 Besuchern aus aller Herren Länder, haben Langfinger und Trickdiebe Hochsaison. Leider muss auf der Partymeile auch mit sexuellen Übergriffen gerechnet werden. Aus diesem Grund werden zu den uniformierten Beamten verstärkt zivile Kräfte der Polizei durch die Innenstadt und in den öffentlichen Verkehrsmitteln patrouillieren. Mit den etwa 250 Polizisten aus den Bundesländern stehen zu Silvester an die 750 Beamte im Einsatz. Und das Innenministerium verteilt zusätzlich auf den Straßen sogenannte Taschen-Alarme. Lösen belästigte Personen diese lauten "Mini-Sirenen" aus, ergreifen die meisten Täter die Flucht.

Und das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) warnt eindringlich vor Pyrotechnik-Unfällen. Direktor Othmar Thann: "Jährlich verletzten sich 300 Personen so schwer, dass sie in Krankenhäusern behandelt werden müssen. 90 Prozent dieser Unfälle ereignen sich in den Stunden rund um Silvester."

"Nachjustieren" bei Feiern zum Jahreswechsel

Die Verhaftung eines Terrorverdächtigen in Fuschl, der einen Anschlag in Salzburg zwischen Weihnachten und Neujahr geplant haben könnte, und das Attentat in Berlin vom Montag sorgen für Unbehagen. Die gut besuchten Weihnachtsmärkte haben vielerorts noch eine ganze Woche geöffnet. "Wir haben uns darum bereits am Abend kurz nach dem Anschlag in Berlin für die nächsten Tage neu positioniert", sagte der Obmann des Salzburger Christkindlmarkts am Montag. Die Polizei kündigte an, an "neuralgischen Punkten" stärker präsent zu sein.

Wenige Tage nach dem Ende des Weihnachtsmarkts feiern Tausende Menschen den Jahreswechsel am Residenzplatz. "Der Schock von Berlin sitzt tief. Wir diskutieren seit den frühen Morgenstunden, was zu tun ist", sagte Inga Horny am Dienstag. Sie ist Geschäftsführerin des Salzburger Altstadtverbands, der die Silvesterfeier im Zentrum organisiert. "Es gibt einiges an Überlegungen.

Wir haben schon Anfang des Jahres die Konsequenzen aus den Entwicklungen gezogen, die uns seit Monaten in Europa eine Welle der Gewalt bringt." Nach illegal gezündeten Feuerwerkskörpern, sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen im Vorjahr habe der Altstadtverband ein neues Konzept für die Feier am Residenzplatz erstellt: Keine zentrale Bühne und reduzierte Gastronomie. "Wir wollen keine großen Menschenansammlungen, sondern zu einer Verteilung der Leute beitragen", sagte Horny. Nach dem Attentat in Berlin werde man nach Rücksprache mit den Behörden bei Bedarf "nachjustieren".

Einlasskontrollen

Keine Änderungen sind beim Innsbrucker Bergsilvester geplant. "Wir haben intensive Kontakte mit unseren Behörden, insbesondere mit dem Verfassungsschutz", hieß es von Bernhard Vettorazzi, Geschäftsführer des Stadtmarketing Innsbruck, das die Feier veranstaltet. "Falls sich das Bedrohungsszenario zuspitzt, werden wir reagieren", sagte Vettorazzi und verwies auf die bestehenden Einlasskontrollen in der Innsbrucker Altstadt. "Die hat es immer schon gegeben, weil wir ein Flaschen-Verbot exekutieren. Deswegen sind bisher auch schon Rucksäcke durchsucht worden."

Auch Heimo Maieritsch vom Citymanagement Graz hält an Adventmärkten und Silvesterfeiern fest. "Wir schauen natürlich, ob es Gefahrenpotenziale gibt und haben die Antennen auch während Veranstaltungen ausgefahren." Terrorakte dürften aber nicht so weit in den Alltag eingreifen, dass sich Lebensgewohnheiten völlig ändern, meinte Maieritsch am Dienstag.

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