Chronik | Wien
06.05.2015

Zwölf "Chaostage" und Demos gegen Song Contest geplant

Rechte und linke Gruppierungen wollen die "Bühne Europas" nutzen, um für ihre Zwecke mobilzumachen. Die Polizei schließt Platzverbot nicht aus.

Ab Mitte Mai blickt ganz Europa nach Wien. Der Eurovisions Song Contest soll "Brücken bauen" und die Bundeshauptstadt will sich da natürlich von ihrer schönsten Seite zeigen. Der Großevent hat aber auch Gegner – und zwar gleich aus mehreren politischen Lagern. Unter dem Motto "Chaostage – erobert die Straßen, besetzt die Stadt, kreiert Anarchie", wird seit Montag in mehreren Internet-Foren zum linken Aktionismus aufgerufen.

Einige Punks fühlen sich durch den Song Contest von den Straßen verbannt und wollen deshalb am 14. Mai im Schlosspark Schönbrunn mit einem Dosenbier- und Saft-Picknick in die geplanten zwölf Chaostage starten. Dass es genau zwölf sind, ist gut überlegt und eine Anlehnung an die Werbeplakate, die Wien die berühmten zwölf Punkte verleihen. Da hinter der Aktion aber keine organisierte Gruppe steht, sieht die Polizei diesem Chaos gelassen entgegen.

Ebenso der für den Ablauf des Song Contests verantwortliche Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Er will zu den angekündigten Chaos-Tagen nicht Stellung nehmen. Stattdessen wirbt die Stadt weiterhin für den reibungslosen Ablauf des Riesen-Events in Wien. "Wien soll als Ort der Toleranz und Akzeptanz verstanden werden. Gerade nach dem Sieg von Conchita Wurst", sagt Oxonitsch. Der Song Contest soll nicht nur ein großes Fernseh-Event werden, sondern eine Veranstaltung, mit der sich die Wiener identifizieren können.

Pegida-Marsch

Mehr Aufregung erzeugt dagegen die angekündigte Demonstration des rechten Lagers. Der Ex-Pegida-Sprecher Georg Immanuel Nagel hat bei der Polizei eine Gegenveranstaltung mit 300 Teilnehmern angemeldet.

Prekär könnte die Lage werden, weil die Demoteilnehmer unter dem Motto "Gegen Dekadenz und Werteverfall" genau am Tag des Finales rund um die Stadthalle ziehen wollen. "Diese Veranstaltung ist bei uns angemeldet. Es könnte aber sein, dass wir die Route nicht so genehmigen können, wie sie im Moment geplant ist", erklärt Polizeisprecher Roman Hahslinger. Ob das notwendig ist, wird sich erst kurz vor dem Event zeigen, erklärte der Verantwortliche der Polizei, Christof Hetzmannseder, am Mittwoch. Im Moment gäbe es noch keinen konkreten Verdacht auf eine Gefährdung des Song Contests durch die Proteste. "Bisher gibt es noch keine Pläne, ein Platzverbot rund um die Stadthalle zu erlassen. Wenn es die Lage aber erfordert, lassen wir uns diese Option bis zum Tag des Finales aber offen", erklärte Hetzmannsdorfer.

Terror als Thema

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) machte am Mittwoch in der Stadthalle auch auf ein Thema aufmerksam, dass im Moment über alle Großveranstaltungen schwebt: "Niemand von uns kann mit hundertprozentiger Sicherheit einen Terroranschlag ausschließen." Während es 2013 europaweit 150 Anschläge gab, waren es im Jahr 2014 bereits 200. Deshalb mahnte die Ministerin zu besonderer Vorsicht und erklärte, dass es laufend eine Gefährdungseinschätzung gäbe. Außerdem sorgen allein rund um die Stadthalle täglich 60 bis 100 Exekutivbeamte für die nötige Sicherheit. Um Terror oder Ausschreitungen beim Finale zu verhindern, werden am 23. Mai 300 Polizisten im Einsatz stehen.

Hier finden Sie gesammelte KURIER-Artikel rund um den Song Contest

Wurst im Kanal: Wien lässt die Gullys singen

Gully goes Conchita: Wien lässt im Vorfeld des Song Contests nichts aus und folgerichtig sogar die Kanaldeckel singen.

Dort, wo zuweilen üble Dämpfe aus dem Untergrund heraufwabern, dringt nun ESC-Musik an die Oberfläche. Sechs dieser via MP3-Player zum Singen gebrachten Abflussgitter, die natürlich auch Wursts "Rise Like A Phoenix" intonieren, bespielen bis zum Finaltag am 23. Mai die Stadt.

Nach Rasenherzen, Parkfiguren, T-Shirts oder dem "Eurowischn Putzcontest" ist die jetzige Aktion ein weiteres Song-Contest-Projekt aus dem Umweltressort. Insofern ließ sich SPÖ-Stadträtin Ulli Sima(Bild) am Mittwoch neben einem geöffneten und mit Lautsprechern und Zeitschaltuhr ausgestatteten Kanaldeckel ablichten.

"Merci Cherie" und "I'm Yours"

Neben Conchitas Siegerlied aus dem Vorjahr dringen auch noch "Merci Cherie", Udo Jürgens Gewinnersong aus 1966, "I'm Yours" der diesjährigen Österreich-Starter The Makemakes sowie Anton Karas' "Dritte Mann"-Thema in Transistorradio-Qualität aus den gitterförmigen Öffnungen. Letzteres hat zwar nichts mit dem internationalen Musikwettbewerb zu tun, allerdings einiges mit der Wiener Kanalisation. Schließlich wurden Schlüsselszenen des amerikanischen Spionagekrimis "Der Dritte Mann" in den unterirdischen Gängen gedreht.

3.600 Euro

Mit 3.600 Euro schlägt die Gag-Aktion der Stadt zu Buche, der - Stichwort: Werbung im öffentlichen Raum - freilich eine ordnungsgemäße Behördenbewilligung durch die MA 46 vorangegangen sei, wie versichert wurde. In einer wasserfesten Box unterhalb der Deckel wurde je ein MP3-Player samt Boxen montiert, der täglich zwischen 8.00 und 20.00 Uhr in Betrieb ist.

Alle sechs dieser hochgerüsteten Gullys befinden sich in Fußgängerbereichen - etwa auf der Mariahilfer Straße, am Karlsplatz oder beim Schweizerhaus. Wer es genau wissen will: Die Standorte sind unter www.kanalquiz.at abrufbar. Dort kann man auch bei einem Gewinnspiel teilnehmen, als dessen Hauptpreis eine Reise in die - freilich noch unbekannte - Austragungsstadt des Song Contests 2016 winkt.