Chronik | Wien
28.02.2018

Zehn Jahre Haft für brutales Carjacking in Simmering

Einstimmiger Schuldspruch wegen versuchten Raubmordes. Richter: "Einen solchen Fall würde man eher in Rio de Janeiro erwarten, nicht in Wien".

Ein 20-jähriger Rumäne, der an einem brutalen Überfall auf einen Autofahrer in Wien-Simmering beteiligt war, ist nach zweitägiger Verhandlung am Mittwoch am Wiener Landesgericht einstimmig wegen versuchten Raubmordes schuldig gesprochen worden. Bei einem Strafrahmen von einem bis zu 15 Jahren wurde über den jungen Erwachsenen eine zehnjährige Freiheitsstrafe verhängt.

Bei der Strafbemessung wertete das Schwurgericht die besondere Brutalität, das sinnlose Vorgehen - der Opel Astra, der dem Pkw-Lenker mit Gewalt abgenommen wurde, hatte einen Wert von 220 Euro - und die Wehrlosigkeit des bis zur Bewusstlosigkeit geprügelten Opfers als erschwerend. "Einen solchen Fall würde man eher in Rio de Janeiro erwarten, nicht in Wien", stellte der Vorsitzende Norbert Gerstberger in der Urteilsbegründung fest. Mildernd wurden die bisherige Unbescholtenheit sowie der Umstand berücksichtigt, dass die Tat nicht vollendet wurde.

Weiteres Opfer

Diese hatte sich am frühen Morgen des 12. Oktober 2016 abgespielt, als ein 53-jähriger Angestellter auf dem Weg zur Arbeit einem Pkw in die Quere kam, in dem sich insgesamt vier Rumänen befanden. Diese gehörten laut Anklage einer Bande an, die auf Carjacking - die gewaltsame Abnahme von Kraftfahrzeugen in Gegenwart der Besitzer - spezialisiert war. Nur vier Tage vor dem Wiener Fall hatte die Gruppierung einen 19-Jährigen, der in einem Mercedes 180 C unterwegs war, an einer Kreuzung in Deutsch-Wagram (Bezirk Gänserndorf) angehalten. Die Kriminellen zwangen den Burschen zunächst, mit ihnen Richtung Gerasdorf zu fahren. Nach kurzer Zeit wurde das Opfer aus dem Wagen gezerrt, niedergeschlagen und in den Kofferraum gesperrt, um schließlich auf einem Feldweg ausgesetzt zu werden. Der Bursch, der Todesangst ausstand, irrte stundenlang durch die Finsternis, ehe er Hilfe fand.

Der überfallene Wiener wurde zum Stoppen gebracht, indem ihn die Täter überholten und sich dann mit ihrem Wagen quer zur Fahrbahn stellten. Der Wiener bremste und brachte seinen Pkw zum Stillstand, um eine Kollision zu vermeiden. Darauf sprangen drei Männer aus dem anderen Auto, liefen auf den Opel zu, rissen die Türen auf, zerrten den Mann aus dem Wagen und schlugen und traten auf ihn ein, bis er das Bewusstsein verlor. Danach fesselten sie ihn, warfen ihn auf die Rückbank und beförderten ihn in eine dunkle, abgelegene Seitengasse, wo der Mann aus dem Pkw geschmissen wurde. Das geraubte Fahrzeug wurde nach Rumänien gebracht. Auch dort fand sich kein Käufer.

Täter haben sich selbst auf Facebook geoutet

Auf die Spur der Täter kam man, nachdem einer von ihnen unter seinem Klarnamen auf Facebook ein Foto gepostet hatte, auf dem er gemeinsam mit einem Komplizen vor dem geraubten Fahrzeug posierte. Der Mann wurde nach länderübergreifenden Ermittlungen in Rumänien festgenommen. Er nannte in seiner polizeilichen Einvernahme drei Mittäter, wovon zwei ebenfalls in Rumänien dingfest gemacht wurden. Ein Vierter wurde in Italien ausgeforscht, wo der 20-Jährige am 4. August 2017 mit Europäischem Haftbefehl festgenommen wurde. Am 17. Oktober wurde der junge Mann der Wiener Justiz übergeben.

Der 20-Jährige akzeptierte nach kurzer Rücksprache mit seiner Verteidigerin Irene Oberschlick die zehnjährige Haftstrafe. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. Der Mann wird seine Strafe in Italien verbüßen - Italien hatte ihn ausdrücklich unter dieser Bedingung ausgeliefert.