Chronik | Wien 05.12.2011

Wohnungslos: Winterpaket soll helfen

Die Caritas schnürt ein Winterpaket und die Stadt Wien öffnet ihre Notquartiere in der kalten Jahreszeit für EU-Ausländer.

Der Weg nach unten", sagt Peter Gasslhuber, "ist steil und man legt ihn meist rasch zurück. Ich hab' mich auf diesem Weg verloren und mein Schicksal in Alkohol ertränkt." Gasslhuber, 59, sitzt an diesem Donnerstagmorgen wie so oft in den vergangenen acht Monaten in der Gruft der Caritas. Job und Wohnung hat der gelernte Bäcker verloren, einen Entzug hat der Alkoholiker gerade abgeschlossen. Ausgehend von der Gruft beginnt nun sein langer Weg zurück in die Gesellschaft.

"Es ist wohl das größte Wohn-, Schlaf- und Esszimmer Wiens", sagt Michael Landau, Chef der Wiener Caritas. Am Donnerstag lud er zur Pressekonferenz, um das Winterpaket der Caritas vorzustellen. Spender können für 50 Euro einen Schlafplatz und einen Schlafsack finanzieren. "Niemand lebt freiwillig auf der Straße. Unterstützung ist wichtiger denn je."
Immerhin haben sich im Vorjahr "so viele neue Obdachlose an die Caritas gewandt wie noch nie zuvor - 3000 Menschen, die erstmals keine Wohnung hatten. Die Zahlen für 2011 zeigen, dass es keine Entspannung gibt", sagt Landau. Erschreckend hoch bleibe auch der Anteil junger Menschen:

Ein Drittel der Klienten, die sich wegen Wohnproblemen an die Caritas wenden, ist unter 30 Jahre alt. Auch die Nachfrage in der Gruft wird immer größer: 2010 wurden insgesamt 87.670 Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben. 2001 waren es 58.500. Heuer ist mit einem weiteren Anstieg auf 90.000 zu rechnen. "Der Druck auf die Menschen an den Rändern der Gesellschaft steigt", warnt Landau.

Stadt öffnet Türen

Die Caritas übte zuletzt Kritik an der Gemeinde Wien. Immerhin sind die von der Stadt mitfinanzierten Notunterkünfte für EU-Ausländer gesperrt. "Es darf nicht vom Pass abhängen, ob man einen Schlafplatz erhält oder nicht", sagt Landau. Er begrüße die Entscheidung des Fonds Soziales Wien (FSW), Notunterkünfte EU-Ausländern zugänglich zu machen. "In der kalten Jahreszeit stehen die Türen offen. Auf Wiens Straßen muss niemand erfrieren", sagt eine FSW-Sprecherin.

Peter Gasslhuber hätte noch vor einem Jahr nicht geglaubt, dass er heute in der Gruft sitzt. Er sagt: "Man muss froh sein, wenn man die Hilfe nicht braucht, aber dankbar sein, dass es sie gibt."

INFO
Caritas Spendenkonto RZB 40 40 50 050, BLZ 31.000Kennwort: "Gruft Winterpaket"

Gruft-Erweiterung: "Stehen vor Einigung"

Landau: „Seit 25 Jahren wurden in der Gruft 500.000 Menschen versorgt.“
© Bild: Reuters/LISI NIESNER

Fakten Die Gruft der Caritas soll ausgebaut werden. Wie der KURIER bereits berichtet hat, soll der Standort in Mariahilf bis zum ersten Halbjahr 2013 im nahe gelegenen Pfarrhof einen zweiten, eingeschoßigen Neubau erhalten. "Es wird ein neues
Tageszentrum werden", sagt Landau. "Die Schlafstellen bleiben unter der Kirche."

Kritik Zu Beginn wurde Kritik unter Anrainern laut, weil zehn Bäume gefällt werden sollten. "Doch wir konnten einen Kompromiss finden. Wir sind auf die Hilfe der Anrainer angewiesen." Nachbarin Sigrid Kroismayr bestätigt Gespräche. "Wir stehen vor einer Einigung." Die meisten Bäume bleiben stehen und der Hof bleibt für Anrainer nutzbar.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011