Chronik | Wien
15.01.2012

Wiens ehrlichster Obdachloser

Der wohnungslose Hermann Schleichert findet mitten auf der Straße 7000 Euro – und bringt das Geld zur Polizei.

Hermann Schleichert hat sich einiges anhören lassen müssen: „Bist deppert, Hermann?“, haben ihn Menschen gefragt, „wieso hast du das Geld zurückgegeben? Wir hätten es behalten!“

Der 48-Jährige schüttelt energisch den Kopf, dann sagt er im breitesten oststeirischen Dialekt: „Keine Sekunde habe ich daran gedacht. Das wäre ja Diebstahl!“ Um seinen Hals baumelt ein Kreuz, das er sich zu Weihnachten um 20 Euro auf einem Markt gekauft hat. Während seiner Zeit im Gefängnis sorgte er bei den übrigen Insassen für verwunderte Blicke, da er sich drei Mal bekreuzigte, ehe er das Brot aufschnitt. „Das war Tradition bei uns daheim.“

Es gibt Tage und Momente, die das Leben verändern – in die eine oder in die andere Richtung. Bei Hermann Schleichert war es meist in die andere Richtung.

Schicksalsschläge Am 31. Jänner 1999 verlor seine Frau mit 42 Jahren den Kampf gegen den Kehlkopfkrebs. „Sie war eine gute Frau“, sagt er und kann die Tränen nicht zurückhalten.

Am 4. September 2000 hängte sich sein Vater auf. Im November 2001 starb die geliebte Oma. Was folgte, waren Alkohol, Gefängnis, Obdachlosigkeit. „Ich habe mich bewusstlos getrunken. Zehn bis 15 Bier am Tag. Im Gefängnis habe ich Schnaps gebrannt.“ Nach seiner Entlassung schlief er in der Gruft und im Park vor dem Haus des Meeres.

Der 26. Dezember 2011 war wieder so ein Tag, der sein Leben ändern hätte können. Es ist 18.45 Uhr, als Schleichert in Wien den Gürtel entlang geht. Im schummrigen Licht einer Auslage sieht er auf dem Gehsteig ein Kuvert liegen, aus dessen Sichtfenster ein 500-Euro-Schein durchschaut. „Ich heb’ das Kuvert auf und seh’ drinnen ein Bündel Geld. Lauter Fünfhunderter!“

Zu diesem Zeitpunkt hat Schleichert nur noch 80 Cent und ein leeres Packerl Zigaretten in der Hosentasche. Was tun? Wohin? Schleichert bekommt Panik. „Ich hatte Angst, dass man mich niederhaut. Ich weiß von Frauen, die wurden wegen 20 Euro ausgeraubt.“

Echtes Geld

In der Gruft kennt er eine Sozialarbeiterin. Zu ihr läuft er jetzt. „Schau her, was ich gefunden habe“, sagt er. Sie kontrolliert das Geld und ist sprachlos – es ist echt. 7000 Euro. Auch die Polizisten staunen nicht schlecht, als sie die Personalien des ehrlichen Finders aufnehmen: Schleichert lebt im Vinzenzhaus der Caritas, einem Übergangswohnheim für ehemalige Alkoholiker und Obdachlose. Dort teilt er sich ein verrauchtes Zimmer im ersten Stock.
7000 Euro.

Mit 7000 Euro wäre Schleichert viele Sorgen los geworden. 1500 Euro benötigt er als Startkapital für eine eigene Gemeindewohnung, 400 hat er dafür bereits gespart. Er lebt von monatlich 900 Euro und den paar Münzen, die er als Augustin -Verkäufer verdient. „Manchmal stehe ich den ganzen Tag vor der U4 und krieg’ nur 4 Euro.“

Kein Dank

Eine eigene Wohnung und eine Arbeit, vielleicht als Baggerfahrer, das wünscht sich der gelernte Schlosser noch vom Leben. „Dann wär’ ich glücklich.“

Stolz ist er schon. Dass er an diesem Tag, am 26. Dezember 2011, genau so gehandelt hat.

Übrigens: Jener Mann, der die 7000 Euro verloren hat, hat sich bei der Polizei gemeldet und das Geld zurückbekommen. Er hat sich bis heute nicht bei Hermann Schleichert bedankt.

Vinzenzhaus: Heim für Ex-Alkoholiker

Hilfe Das Vinzenzhaus der Caritas ist ein sozialtherapeutisches Übergangswohnheim für Männer, deren Ziel es ist, wieder selbstständig in einer eigenen Wohnung zu leben. Die meisten Bewohner ziehen direkt nach ihrem Alkoholentzug ins Vinzenzhaus. Im Haus besteht absolutes Alkohol- und Drogenverbot, es werden regelmäßige Alkomatkontrollen durchgeführt.

Zahlen & Fakten Das Vinzenzhaus in Wien wurde 1985 von Pater Georg Sporschill gegründet. Im Durchschnitt wohnen pro Jahr 80 Männer in der Einrichtung. Ihre Aufenthaltsdauer beträgt zirka zehn Monate.

Unterstützung Sozialberater der Caritas helfen den Männern bei der Arbeitssuche und Schuldenregelung, erstellen mit ihnen einen Finanzplan und geben Rechts- und Sozialberatung.