Chronik | Wien
05.12.2011

Wiens Ärzte sind "ausgebrannt"

Mehr als jeder zweite Arzt in Wien ist akut Burn-out-gefährdet. Ein betroffener Mediziner nennt dem KURIER die Gründe.

Er will anonym bleiben. "Wegen meinem Arbeitgeber." Kein Foto. Geänderter Name. Gabriel M. ist leitender Internist in einem der zwölf Wiener Gemeindespitäler. Er arbeitet 80 Stunden in der Woche, hat sechs Nacht- und zwei Wochenenddienste im Monat und ist Burn-out-gefährdet. "Die Belastung ist enorm", sagt er. Nicht selten betritt M. das Spital um acht Uhr morgens und verlässt es wieder gegen Mitternacht - "mit nur einer Stunde Pause." Laut einer Studie der Arge Burn-out sind viele Mediziner ausgebrannt oder stehen kurz davor.

Dramatisch

Deutlich mehr als jeder zweite Wiener Arzt weist kritische Symptome auf. Jeder Achte ist behandlungsbedürftig (siehe Grafik). Die Gefahr für Patienten ist nur schwer absehbar. "Was hier geschieht, ist gefährlich", sagt Robert Hawliczek von der Wiener Ärztekammer (ÄK). "Nachtdienste werden gestrichen, Personal gekürzt und Ambulanzen platzen aus allen Nähten."

Die nackten Daten decken sich auch mit den Erfahrungen von M.: "Immer mehr Kollegen lassen sich karenzieren, aber nur wenige ziehen die Notbremse und hören auf." Einer der Gründe für das zunehmende Ausgebranntsein liegt im miserablen Schnittstellenmanagement zwischen Spitälern und Praxen begründet. Während Ambulanzen am Wochenende heillos überfüllt sind, findet sich kaum ein Arzt, der seine Ordination auch an Samstagen und Sonntagen öffnet. "Hier muss was geschehen", mahnt Thomas Szekeres, Vizepräsident der Wiener ÄK. Er fordert: "Ambulanzen und der niedergelassene Bereich sollten allein von den Kassen finanziert werden."

Im Büro von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) hält man davon wenig. "Unser Ziel lautet, dass Bund und Länder Versorgungsziele künftig besser abstimmen sollen", betont ein Sprecher des Ministers. Gabriel M. zweifelt, ob das allein genügt. "Wir brauchen einen Paradigmenwechsel", fordert er. Sonst wären nicht nur Ärzte ausgebrannt, sondern Patienten bald auch schlecht versorgt.