Die Tische im Café Prückel sind eigentlich stets gefüllt. Trotzdem will keine Jubelstimmung aufkommen. Die Zeiten werden härter.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Gastronomie
02/14/2016

Wiener Cafés: "Stehen vor einer Marktbereinigung"

Für die Traditionscafés gilt: Wer nicht auf der Strecke bleiben will, muss die Ärmel hochkrempeln.

von Anna-Maria Bauer, Raffaela Lindorfer

Eine Melange im Café Sperl nach dem Naschmarkt-Besuch. Eine Eierspeis im Café Prückel. Zeitung lesen im Café Frauenhuber. Wien ist ohne seine klassischen Kaffeehäuser eigentlich undenkbar. Einige von ihnen werden die kommenden Jahre aber wohl kaum überleben.

Denn in einem Punkt sind sich Wiens Kaffeehausbesitzer einig: Es ist in den vergangenen Jahren richtig hart geworden. Jedes vierte Kaffeehaus wechselt jährlich seinen Besitzer. Wer sich nicht anstrengt, bleibt auf der Strecke.

Das wurde dieser Tage am Café Weimar offensichtlich. Wie berichtet, soll Maximilian Platzer, Obmann des "Klubs der Wiener Kaffeehausbesitzer", (nach eigenen Angaben) 165.000 Euro aus der Vereinskasse entnommen haben, um sein Kaffeehaus aus der finanziellen Misere zu retten (siehe unten).

Probleme

Auch andere Besitzer hadern mit der derzeitigen Situation: "Manchmal frage ich mich, warum ich mir das noch antue", sagt Prückel-Chefin Christine Sedlar. Warum sie dennoch nicht aufgibt? "Weil ich meinen Beruf liebe."

Manfred Stallmajer vom Café Drechsler wiederum hält nichts vom Jammern: "Wir müssen uns einfach alle ein bisschen anstrengen."

Probleme gibt es jedenfalls genug: Immer höhere Mieten, steigende Personalkosten und natürlich: immer mehr Auflagen. Mit diesen Probleme haben zwar auch die übrigen Gastronomen zu kämpfen. Trotzdem treffe es die traditionellen Kaffeehäuser besonders schwer.

Einerseits sitzen die Gäste in der "getränkelastigen Gastronomie" nicht selten eine Stunde oder länger bei einer Melange und drei Gläsern Wasser.

Außerdem kommt Konkurrenz von Lokalen wie den CoffeePirates oder dem Kaffeemik. Deren Besitzer wollen mit der sogenannten "Third Wave of Coffee" ein neues Kaffee-Bewusstsein in der Stadt schaffen; selbst geröstet, fair gehandelt.

Tradition ist schön und gut, aber Wiener wie Touristen wollen mehr geboten bekommen. Mit Interieur "wie damals" und einer bewährten Speisekarte alleine können sich die Gastronomen nicht mehr über Wasser halten.

Mit der Zeit gehen

Berndt Querfeld will in seinem Café Landtmann daher die Frühstückskarte komplett umstellen. English Muffins oder gegrillte Avocados stehen zur Diskussion. Recherchiert wird mittlerweile auch auf Internetseiten wie Pinterest oder Tripadvisor.

In punkto "Anpassung an die neuen Kundenwünsche" erhält Querfeld Zustimmung von Peter Hanke, Chef des Café Blaustern: "Man muss mit der Zeit gehen. Ohne einem veganen Gericht auf der Wochenkarte geht es nicht mehr." Craft Beer darf ebenfalls nicht fehlen.

Trotzdem habe das Abendgeschäft im Blaustern stark nachgelassen, seit es zum Nichtraucherlokal wurde – was Hanke prinzipiell sehr begrüßt. Aber: "Der Raucher ist einfach konsumfreudiger." Und so hat Hanke nun ein Drittel weniger Beschäftigte.

Trotzdem blickt der Gastronom positiv in die Zukunft: "Wir stehen vor einer Marktbereinigung."

Auch andere Kaffeehausbesitzer glauben, dass die Konsequenzen der immer höheren Lokaldichte und des daraus resultierenden gesteigerten Wettbewerbs bald sichtbar werden. Hanke: "Dabei wird sich zeigen, wer hart und ehrlich arbeitet. Von einigen schwarze Schafen werden wir uns dann wohl verabschieden."

Ex-Obmann zahlt Geld zurück, Klub will sich verjüngen

20.000 Euro in bar hat Maximilian Platzer am Freitag beim „Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer“ eingezahlt, dessen Obmann er 20 Jahre lang war. Monatlich will er abstottern, was er im vergangenen halben Jahr entnommen hat. Nach eigenen Angaben waren das 165.000 Euro.
Die Staatsanwaltschaft Wien prüft gerade eine Anzeige wegen Untreue. „Ziel der Rückzahlungsvereinbarung ist es, eine wohlwollende Beurteilung zu ermöglichen“, erklärt Platzers Anwalt Constantin Eschlböck. Im günstigsten Fall könnte ihm ein Strafverfahren ganz erspart bleiben.
Interne KritikPlatzer hat sich aus dem Klub zurückgezogen, sagt aber, die Mitglieder stünden hinter ihm: „Ich habe sogar Hilfe angeboten bekommen.“

Mancherorts wird trotzdem Kritik laut: „Was Herr Platzer getan hat, zeigt vielleicht auf, in welcher schwierigen Situation wir uns befinden, aber ganz ehrlich: Wenn ein Mitarbeiter Geld in die eigenen Taschen steckt, dann fliegt er. Da gibt es eigentlich kein Pardon“, sagt Café-Drechsler-Geschäftsführer Manfred Stallmajer.

Anna Karnitscher, frühere Rechnungsprüferin des Klubs, drückt jetzt den Neustart-Knopf: Das Team müsse verjüngt, und die Finanzen saniert werden. Sie ist interimistische Obfrau und organisiert künftig den Kaffeesieder-Ball, der neue Vorstand werde demnächst gewählt. „Das Positive, das Platzer über Jahre aufgebaut hat, wollen wir in eine gute Zukunft führen“, betont sie.

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