Bikerszene (Symbolbild) ist sehr abgeschottet.

© APA/GEORG HOCHMUTH

Lauschangriff
12/07/2015

Wien: Rocker-Präsident als Drogendealer

Polizeiliche Geheimaktion mit Pannen dauerte zwei Jahre. Verdeckte Ermittler und Peilsender im Biker-Milieu.

von Dominik Schreiber

"Das wird eine ganz große Geschichte", kündigte die Polizei vor einem Jahr an. Immerhin wurden Ermittlungsmethoden aufgefahren wie sonst nur gegen Terroristen oder Mafiosi: Peilsender an Fahrzeugen, telefonische Abhörmaßnahmen von knapp zwei Dutzend Personen, eine "Wanze" in einem Lokal und der (offenbar missglückte) Versuch, eine Biker-Gang in Wien mit einem verdeckten Fahnder zu infiltrieren.

Heute will man bei Exekutive und Justiz nicht mehr so gerne über die rund zwei Jahre dauernde Mega-Aktion reden. Während jeder erwischte Straßenhändler mit ein paar Gramm Drogen in Wien groß medial aufbereitet wird, darf es zu diesem spektakulären Fall – auf Anweisung der Staatsanwaltschaft – keine Presseaussendung geben.

18 Verhaftungen

Dabei wurden immerhin 18 Personen verhaftet und 57 Konsumenten ausgeforscht, wie Ermittlungsinsider bestätigen. Dem Vernehmen nach soll Kokain und Cannabis den Besitzer gewechselt haben. Nicht einmal die Menge möchte man nennen. War es so wenig?

Als Organisator wurde der 44-jährige Präsident des Wiener Bikerclubs "Iron Bloods" ausgemacht und vor Kurzem zu einem Jahr Haft verurteilt (bei einer Strafandrohung bis maximal 15 Jahre), wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage bestätigt. Auch das war bisher unbekannt, als Zaungäste waren in der Verhandlung lediglich die Biker-Kollegen und Stammgäste einer Imbissbude in Wien-Favoriten, die vom Angeklagten informiert worden sind. Während man polizeiintern von einem "Geheimprozess" spricht, betont die Staatsanwaltschaft, dass die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen war. Nur wurde offenbar kein Journalist informiert.

Das Favoritner Imbisslokal war jedenfalls die Stammkneipe der Biker-Gang, von dort soll der Rocker-Präsident – auch mithilfe seiner Lebensgefährtin – den Drogenhandel organisiert haben. Zunächst gingen die Ermittler des Landeskriminalamts davon aus, dass die Biker als Lieferanten fungierten. Deshalb wurden mehrere Peilsender an deren Fahrzeugen installiert.

Als ein Gerichtsblogger die Justiz-Protokolle aus einem Mistkübel beim Landesgericht Wien fischte, landeten im Vorjahr Auszüge daraus im Internet. Das könnte die Rocker gewarnt haben. Geschildert wurden dabei Gespräche über den (damals auf Mallorca inhaftierten) deutschen Hells-Angels-Präsidenten Frank Hanebuth. Einmal feierten die Biker, dass einem Mitglied, das im Rotlicht tätig ist, die Fußfessel abgenommen wurde. Es gab "ein demonstrativ-rauschendes Fest", hielt die Polizei fest. Bei den Abhörmaßnahmen soll es zu weiteren Pannen gekommen sein, so war die Musik in dem Imbisslokal meist so laut eingestellt, dass die Ermittler wenig verstanden.

Nun sagen Staatsanwaltschaft und Polizei, dass es nicht um die Rocker ging. Unter den 18 Verhafteten befindet sich, außer dem Präsidenten, kein weiteres Mitglied der Iron Bloods. Und selbst der 44-Jährige wurde nach dem Prozess und sieben Monaten U-Haft für eine Therapie auf freien Fuß gesetzt.

Iron Bloods

Die aus rund 20 Bikern bestehende Gruppierung Iron Bloods wird polizeiintern als Supporter-Club der Hells Angels angesehen und wurde 2005 gegründet. Bekannt sind die Rocker vor allem für ihre Konzerte, bei denen etwa Alkbottle oder Supermax aufgetreten sind. Einmal im Jahr findet die "Deep Blue Night" statt, bei denen auch die SPÖ-nahen Red Biker Stammgäste sind: "Das ist ein Event der besonderen Art", heißt es dort.

Heimische Rockerszene wächst wie nie zuvor

Im heurigen Jahr kam gewaltige Bewegung in die bislang eher ruhige Motorradrocker-Szene in Österreich. Während sich ein Bandidos-Ableger in Salzburg de facto auflöste, drängten mit den United Tribuns und den Red Dogs zwei neue Gruppierungen in die Szene. Die Bikergangs stehen im Visier der Polizei, einige von ihnen werden als „kriminelle Organisationen“ eingestuft.

Vor allem die Tribuns scheinen nun zur bestimmenden Kraft zu werden. Sie haben heuer „Filialen“ – sogenannte Chapter – in Wien, Graz, Innsbruck, Villach, Wels und Bregenz gegründet. „Wir sind eine Armee“, kündigten sie bei einem Treffen mit dem KURIER im Sommer an. Mit Kriminalität will die Bruderschaft offiziell nichts zu tun haben, in Deutschland gab es aber bereits reihenweise Prozesse; die Latte der Vorwürfe reicht von Erpressung bis Menschenhandel. Österreich gilt als „Brücke“ zwischen Deutschland und Bosnien, wo die beiden (wegen Verdacht des Menschenhandels) per Haftbefehl gesuchten Präsidenten sitzen. Hierzulande blieben die Tribuns bisher unauffällig.

Hells Angels

Sie haben Frieden mit den Hells Angels geschlossen, der beim jährlichen Treffen der Höllenengel in Griechenland abgesegnet wurde. Die Angels haben aber ein Überalterungsproblem und setzen nun offenbar auf einen jungen Supporter-Club, die Red Dogs. Diese reagieren (wie die Angels) auf Presseanfragen ablehnend. Die „roten Hunde“ sind seit dem Frühjahr in Graz aktiv und haben seit einigen Tagen eine „Filiale“ in Wien-Rudolfsheim.

Hinter den Kulissen versuchen die einzelnen Clubs, kleinere zum Überlaufen zu überreden. Sogenannte „Patchovers“ sind ein beliebtes Mittel der Expansion. Wohin diese führt, ist unklar. Es ist aber davon auszugehen, dass mit der Zahl der Clubs auch die Rivalitäten steigen werden. Betätigungsfelder sind Rotlicht, Konzerte und Tattooshops als legaler sowie Drogen-, Waffen- und Menschenhandel als illegaler Bereich.

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