Chronik | Wien
09.03.2014

Letzte Messe im Lerchenfeld

Heftige Kritik der Gläubigen an der Diözese nach Kirchenschließung.

Wie kann man das einfach zerstören, was die Kirche über Jahrhunderte aufgebaut hat? Ich mache mir ernsthaft Gedanken, ob der Kardinal wirklich der katholischen Kirche angehört." Eine Frau, die der großen Gruppe polnischer Katholiken in Wien-Ottakring angehört, rollt am Sonntag vor der dem Eingang der Pfarrkirche Neulerchenfeld ein Transparent aus. Darauf ist sinngemäß zu lesen: "Die Schafe werden einfach weggejagt und ihr Stall geschlossen".

Gemeint ist damit die Schließung der Neulerchenfelder Kirche und die Übergabe an die serbisch-orthodoxe Gemeinde. Sonntagvormittag fand der letzte katholische Gottesdienst statt.

Die Zusammenlegung der Pfarren Neulerchenfeld und Maria Namen und die Übersiedelung hatten bereits im Vorfeld für wütende Proteste gesorgt. "Begonnen hat alles am 9. Oktober 2010 mit einem Brief von Kardinal Schönborn", schildert Gerd Grün, eines der besonders aktiven Pfarrmitglieder. Damals hatte der Geistliche angekündigt, die Pfarre abgeben zu wollen. Diese überraschende Entscheidung der Erzdiözese Wien nahm die Kirchenschar nicht einfach so hin. Vor allem deswegen, weil die Kirche mit durchschnittlich 777 Gläubigen pro Messe zu den bestbesuchten der Diözese zählte. Zu verdanken hatte man diesen Boom der besonders aktiven polnischen Kirchengemeinde.

Sparkurs

Jedenfalls nahmen sich die Kritiker während der letzten Messe am Sonntag kein Blatt vor den Mund. Besonders der eingeschlagene Sparkurs der Kirche wurde angeprangert. "Der Kardinal hat uns damit enteignet. Wir gehen seit 30 Jahren hier in die Kirche. Anstatt zu versuchen, neue Gläubige her zu bekommen, verschenkt er einfach die Kirche", so Ewa Grün.

Schönborn nahm am Sonntag in ORF-Radio NÖ zu den kolportierten Zahlen Stellung, wonach die Erzdiözese Wien die Zahl der Pfarren von 660 auf 300 halbieren will. "Wir haben keinerlei Zahlen genannt, wir wissen, dass wir etwa in der Stadt Wien die Zahl der Pfarren, so wie sie heute ist, einfach nicht halten werden können, weil die Zahl der Katholiken um mehr als die Hälfte geschrumpft ist", so Schönborn.

Von oben herab

Gerade im Fall der Zusammenlegung von Neulerchenfeld und Maria Namen kritisieren die Gläubigen die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Diözese. "Dass ein Reformprozess passieren muss, ist klar. In der Sache ist aber viel schiefgelaufen. Es wurde von oben herab einfach drübergefahren", schildert Martin Blaha, Pfarrmitglied aus Maria Namen. Dorthin wurde nach der letzten Messe am Sonntag auch der symbolische Weg in einer Prozession angetreten.

Gerd Grün und die zahlreichen anderen Kritiker schlossen sich dem Tross nicht an: "Ich werde sicher nicht in die neue Pfarre gehen, weil ich nicht mehr an diese Sache erinnert werden möchte." Andere meiden Maria Namen, "weil es ein Betonklotz und keine Kirche ist".