Die zwei weiteren Kinder der Familie treffen nach der Bluttat im Wohnhaus in der Koppstraße ein. Einsatzkräfte schirmen sie ab.

© Dominik Schreiber

Haga und Yasmin wurden ermordet
09/19/2013

Haga und Yasmin wurden ermordet

Die Mutter der Mädchen schnitt sich die Pulsadern auf und sprang aus dem vierten Stockwerk.

von Dominik Schreiber, Birgit Seiser

Sie lag auf der Wiese und schrie nur mehr. Die Frau hatte Schnittverletzungen an den Händen und offene Brüche“, erzählt Ibrahim Ramic. Der Hausbesorger aus der Koppstraße 97 in Wien-Ottakring war der Erste am Ort des Geschehens. Sein ebenfalls herbeigeeilter Bekannter Zoran T. alarmierte am Donnerstag um 10.47 Uhr Polizei und Rettung.

Wenig später stürmten WEGA-Einheiten eine Wohnung im vierten Stock. Da Blutspuren am Fenster zu sehen waren, ging die Polizei von einem Verbrechen aus. Doch in der Zwei-Zimmer-Wohnung entdeckten die Beamten nicht den erwarteten blutrünstigen Ehemann, sondern zwei Kinderleichen.

Die Mädchen Haga (9) und Yasmin (5) lagen tot im Wohnzimmer. Vermutlich wurden sie erwürgt, die genauen Hintergründe soll eine Obduktion restlos klären.

Abschiedsbrief

Die Polizei geht davon aus, dass die Mutter, Salva Al B., für die Tat verantwortlich ist. Die 38-jährige Ägypterin rang im Wilhelminenspital um ihr Leben, eine Notoperation wurde durchgeführt. „Sie schwebt in akuter Lebensgefahr“, hieß es seitens der Ärzte.

„Es wurde ein Abschiedsbrief auf Arabisch gefunden, der erst übersetzt werden muss“, erklärt Polizeisprecher Thomas Keiblinger. „Eine nette Familie“ „Das war eine sehr nette Familie, die waren nie gefährlich“, erzählen die Bewohner des Gemeindebaus fassungslos. Gerüchte über eine angebliche Schwangerschaft der Mutter machten die Runde, bestätigt ist das aber nicht. Der Familienvater arbeitet in einer Pizzeria. Die Frau und die vier gemeinsamen Kinder lebten hauptsächlich in Ägypten und waren nur während des Sommers in Wien.

Der Vater war zur Tatzeit auf einem Geschäftstermin und hatte Hagas Zwillingsbruder und die älteste Schwester (13) bei sich. Das dürfte den beiden Kindern das Leben gerettet haben. Ein mögliches Motiv für die Tat konnte er in einer ersten kurzen Befragung im Gang des Hauses nicht nennen. Die Polizei war jedenfalls bisher noch niemals an dieser Wohnadresse gewesen. Nachbarn berichten darüber, dass es keine gröberen Streitereien innerhalb der Familie gegeben hat – zumindest nicht über das übliche Maß hinaus.

Karte

https://maps.google.at/maps/ms?msa=0&msid=200939101043666731304.0004e6ba189713834776b&hl=de&ie=UTF8&t=h&ll=48.209617,16.314182&spn=0.005005,0.009656&z=16&output=embed 450 350 no {"frameborder":"0","marginheight":"0","marginwidth":"0"} Tatort Koppstraße 97 auf einer größeren Karte anzeigen

Tötungen innerhalb von Familien gehen oft Beziehungs- und Lebenskrisen voraus.

Beziehungs- und Lebenskrisen, psychische Probleme und Überforderung sind immer wieder Wegbereiter für Tötungen innerhalb von Familien. Chronologie einiger Fälle der vergangenen Jahre:

März 2004: Eifersucht auf die Ehefrau ist das Motiv eines Familiendramas in Semriach bei Graz: Ein Landwirt tötet seine beiden neun- und elfjährigen Kinder sowie sich selbst. In einem Abschiedsbrief schreibt er, dass er seinen Sohn und seine Tochter in den Tod mitnehme, damit seine Frau ein glückliches Leben führen kann.

Oktober 2004: In Saalfelden ertränkt eine 35-jährige Mutter ihre fünfjährige Tochter in der Badewanne und versucht danach, sich das Leben zu nehmen. Das Motiv der geschiedenen Frau: Sie wollte ihr Kind nicht mit dem Vater teilen.

Juli 2005: Eine 45-jährige Mutter erschlägt in Graz ihre beiden halbwüchsigen Söhne im Schlaf mit einer Hacke. Anschließend fährt sie mit dem Zug nach Wien, wo sie von der Polizei festgenommen wird. Die Frau leidet seit Jahren an Depressionen. Vor Gericht sagt sie, sie habe ihren Kindern ein Leben wie das ihre ersparen wollen.

Jänner 2006: Ein 50-jähriger Frühpensionist tötet nach einem Streit mit seiner Frau vier seiner fünf Kinder in Mauerbach (Niederösterreich). Der Mann flüchtet zunächst und begeht dann mit einem Messer Selbstmord, als die Polizei sein Auto stoppt. Hintergrund des Streits sind finanzielle Probleme in der Familie.

Jänner 2008: Ein 41-Jähriger erstickt seinen zehnjährigen Sohn in Graz. Hintergrund sind die wiederholten Streits mit seiner geschiedenen Frau. Eigentlich wollte er diese töten, doch sie habe ihn nie in die Wohnung gelassen, gibt der Täter bei der Polizei an.

Dezember 2009: In einem Hotel in Wien-Hietzing bringt eine Mutter ihren zweijährigen Sohn um und tötet sich selbst. Die Frau hinterlässt einen Abschiedsbrief, in dem sie schreibt, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen habe.

Dezember 2011: In Innsbruck ertränkt eine Mutter ihre siebenjährige Tochter in der Badewanne. Die schwer verstörte Frau gesteht die Tat, kann zu ihrem Motiv zunächst aber keine Angaben machen.

März 2012: In Reichenau in Mühlkreis tötet eine Mutter ihren vierjährigen Sohn und versucht danach, sich das Leben zu nehmen.

Mai 2012: Ein Vater holt in St. Pölten seinen Sohn aus dem Klassenzimmer. In einer Garderobe schießt er dem Achtjährigen in den Kopf und flüchtet. Der Mann wird eineinhalb Stunden später tot aufgefunden. Er hat sich erschossen. In der Familie gab es offenbar immer wieder Auseinandersetzungen und Polizeieinsätze wegen gewalttätiger Ausbrüche des Vaters.

November 2012: In Hinterthiersee im Tiroler Bezirk Kufstein werden in einem Einfamilienhaus drei Tote entdeckt: Der Familienvater (51) und zwei Söhne im Alter von 13 und 23 Jahren dürften erstochen worden sein. Die Mutter befindet sich seit Tagen in einem Krankenhaus. Die Polizei schließt eine Verwicklung weiterer Personen aus.

Februar 2013: In einer Wohnung in Kühnsdorf (Bezirk Völkermarkt) in Kärnten werden die Leichen eines vier Jahre alten Buben und dessen 29 Jahre alter Mutter gefunden. Die Frau tötet ihr Kind mit einem Messerstich und verübt anschließend mit dem Messer Suizid. Motiv für die Tat sind psychische Probleme.

September 2013: Eine 38-jährige Frau erdrosselt ihre beiden Töchter (sechs und neun Jahre alt) und stürzt sich anschließend aus dem vierten Stock eines Gemeindebaus in Wien-Ottakring. Das Motiv ist vorerst unklar. Die Frau wird notoperiert und schwebt in akuter Lebensgefahr.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.