Chronik | Wien 10.12.2011

wien MITTE: Mistelernte

wien MITTE: Weihnachtswunder © Bild: KURIER/Christandl

Zentimeter für Zentimeter schob ich mich näher, wie ein lahmer Panther an eine fluchtunfähige Beute. Ich versuchte an schöne Dinge zu denken. Aber es klappte nicht.

Die Misteln, wir wissen es von René Goscinny, entfalten ihre Zauberkraft nur, wenn sie mit einer goldenen Sichel geschnitten werden. Unsere alte Eisensäge führt nicht zur Entfaltung von Zauberkraft. Das hätte ich wissen sollen. Am Lusthauswasser im Prater erkletterte ich unlängst einen nicht ganz unhohen und außerdem morschen Silberpappelstamm. Am oberen, dünneren und noch morscheren Ende prangte wie eine feiste, immergrüne Faust ein Mistelbuschen. Zehn Minuten früher war mein Gumpendorfer Freund M. mit einer streifenhörnchenartigen Behendigkeit einen doppelt so hohen Baum hinaufgeschnellt, hatte mit derselben Eisensäge einen doppelt so großen Mistelbuschen abgeschnitten, und war ruhigen Atems wieder herabgekommen. Diesen Mistelausflug mit den Gumpendorfer Freunden liebe ich. Er steht ganz oben auf dem Stockerl der von mir gemochten vorweihnachtlichen Aktivitäten. Obwohl: Schön war auch der Gang zum Pfaderer-Weihnachtsbasar, wo wir Sachen wie Quitten-Chutney erstanden und unsere beiden Söhne Kerzen zogen. Es gibt nichts Beruhigenderes als den Anblick zweier eher, äh, lebhafter Buben, die mit meditativen Antlitzen Dutzende Male an einem Wachskessel vorbeiziehen, in den sie ihre Kerzen tauchen. Ich freue mich auf die Mittwinternacht am 20. Dezember, wenn ich, auch das schon eine Art Brauch, mit meinem Bruder beim Karlsplatz-Punschstandl den DJ machen darf. Lauter schöne Adventtraditionen. Und die schönste ist die gefährlichste: Ich klammerte mich an den schleimigen Stamm, noch immer einen knappen Meter von der parasitären Staude entfernt. Die Liebste schaute wortlos aber mit gerunzelter Stirn zu mir hinauf. Zentimeter für Zentimeter schob ich mich näher, wie ein lahmer Panther an eine fluchtunfähige Beute. Ich versuchte an schöne Dinge zu denken, wie an das anschließend geplante Verspeisen einer Portion Specklinsen in der Bierinsel. Aber es klappte nicht. Der Baum gab ein unendlich bedrohliches Krachen von sich. Ich warf die Eisensäge ins Korn. Ich gab auf. Freund M. hat mir dann eine von seinen Misteln geschenkt. Immerhin, dachte ich, war ich auf dem Baum. Ich habe es sozusagen halb geschafft. Das gilt auch für Weihnachten. Vom Christkind wünsche ich mir eine goldene Sichel.

Erstellt am 10.12.2011