Wien erstickt in der Verkehrslawine

Im Schritttempo: Täglich staut es sich auf der Südosttangente.
Foto: KURIER/Gruber

Eine halbe Million Menschen fährt täglich nach Wien, viele in der Freizeit. Sie sollen vermehrt auf Öffis umsteigen.

Mehr als 527.600 Menschen passieren an einem Werktag die Wiener Stadtgrenze. Der Großteil davon sitzt dabei im Auto - allein. Knapp 417.000 rollen so täglich über die Einfahrtsstraßen in die Hauptstadt, nur jeder Fünfte nimmt dagegen den Bus oder die Bahn. Das ergab eine Studie der Planungsgemeinschaft Ost.

Die Überraschung dabei: Die größte Gruppe bilden nicht etwa die Pendler, die täglich zur Arbeit oder in die Schule müssen, sondern die unregelmäßigen Wien-Besucher. 323.000 Menschen kommen, um in Wien private oder geschäftliche Erledigungen zu machen, einzukaufen, oder das Freizeit-Angebot am Abend zu nutzen. Angereist wird dabei fast immer mit dem Auto.

Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (G) setzt als Gegenmaßnahme auf den Ausbau der S-Bahn: "Viele Fahrten sollen so genauso gut mit den Öffis machbar sein."

Im Schritttempo: Täglich staut es sich auf der Südosttangente. Foto: KURIER/Gruber Im Schritttempo: Täglich staut es sich auf der Südosttangente.

Mit Intervall-Verdichtungen und neuen Strecken soll der Verkehr abgefangen werden, auch Park-&-Ride-Anlagen direkt an den S-Bahn-Stationen sollen kommen. Viele der angekündigten Maßnahmen sind aber nur für Pendler gedacht: Günstige Jahreskarten und Jobtickets für Beschäftigte werden wohl durch teure Einzelfahrscheine gegenfinanziert. Die Anreize für die Freizeit-Besucher fehlen hingegen komplett.

Vassilakou will hier auch ansetzen: "Es wird bestimmte Tickets geben müssen, mit denen etwa Theaterbesucher die Öffis billiger nutzen können." Noch seien die Pläne dafür in der Entwicklung. Wie eine künftige "Wien-Card" aussieht, ist noch offen. Dafür brauche es eine Verkehrsplanung mit Niederösterreich: "Früher haben die Planungen an der Landesgrenze aufgehört", kritisiert Vassilakou.

Das soll jetzt besser werden. Noch diese Woche gibt es wieder Gespräche mit dem NÖ-Verkehrslandesrat Karl Wilfing (VP). In seinem Büro weiß man um die Problematik Bescheid: "Gerade, was den Verkehr außerhalb der Pendlerzeiten betrifft, ist es schwierig, ihn von der Straße auf die Schiene zu bringen."

Vor allem der Regionalverkehr in Niederösterreich müsste verbessert werden, sagt Sprecher Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). "Wer mit dem Auto zum Bahnhof fahren muss, bleibt oft sitzen und fährt weiter nach Wien."

Nord-Süd-Gefälle

Ebenfalls ein Ergebnis der Studie: Aus dem Norden kommen weit mehr Menschen mit den Öffis nach Wien als aus dem Süden. Während etwa im Korridor Gänserndorf der Anteil der Öffi-Benutzer bei 28 Prozent liegt, kommen nur 16 Prozent aus dem Einzugsgebiet Mödling mit Bus oder Bahn. Hier zeigt sich, dass große Straßen, wie die vierspurig ausgebaute A2, mehr Individualverkehr anziehen.

Wussten Sie, dass ...
... Männer im Vergleich zu Frauen Öffi-Muffel sind? 56 Prozent der Personen, die mit Zug/Bahn/Bus nach Wien fahren, sind Frauen; beim Autoverkehr überwiegen die Männer im Verhältnis 55 zu 45 Prozent.

... 52.665 Personen oder 47,6 Prozent der Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel fünf Mal pro Woche nach Wien fahren, jedoch nur 32,9 Prozent der Autofahrer (105.651 Personen)?

... jedes Auto im Schnitt mit 1,19 Personen besetzt ist?

... die meisten Menschen zwischen 7 und 8 Uhr die Stadtgrenze nach Wien überqueren? Auf 24 Stunden gerechnet fahren 10 Prozent aller Autofahrer und 20 Prozent aller Öffi-Nutzer in dieser einen Stunde in die Hauptstadt.

... 1105 Menschen pro Tag mit dem Fahrrad von Niederösterreich nach Wien fahren? Neun davon sogar in der Zeit zwischen 0 Uhr und 5 Uhr Früh. Die Radfahrer machen aber nur 0,3 Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens aus.

... 56 Prozent all jener, die mit Öffis nach Wien fahren, zu Fuß zur Haltestelle/ zum Bahnhof gehen? Rund 25 Prozent gelangen mit dem Auto, etwa 8 Prozent mit dem Fahrrad zum öffentlichen Verkehrsmittel.

... aus Vösendorf mit seinen rund 6000 Bewohnern täglich 19.000 Personen nach Wien fahren? Es handelt sich dabei vorwiegend um Wiener, die in den Shoppingcentern arbeiten oder einkaufen (und am Abend heimkehren).

... täglich rund 37.000 Menschen von Nord nach Süd (oder umgekehrt) durch Wien durchfahren, ohne in der Stadt zu tun zu haben? Mehr als 80 Prozent davon mit dem Auto.

(kurier / Elias Natmessnig, Georg Hönigsberger) Erstellt am
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