Chronik | Wien
12.12.2017

Wer sich nur beraten lässt, zahlt

Kunden informieren sich im Geschäft, kaufen aber online ein. Händler reagieren darauf

Renate Spindler hat es nicht erst einmal erlebt: Eine Kundin kommt mit Wolle, die sie günstig in einem Kaufhaus erstanden hat, ins "Wolle & mehr" in Wien-Floridsdorf und möchte dann von ihr wissen, wie denn der Schnitt eigentlich geht, den sie vorhat.

Renate Spindler bringen solche Konsumenten, die Produkte möglichst billig ersteigern, gleichzeitig aber die Expertin aus dem Geschäft ums Eck nutzen möchten, in die Bredouille. Denn: "Eine Beratung kostet mich Zeit. Zeit, in der ich keine Kunden bedienen kann, die vielleicht etwas kaufen würden. Und meine Expertise ist ja nicht einfach so da. Die hat mich viel Zeit und Geld gekostet. Die ist etwas wert."

Einige Händler reagieren auf sogenannten "Beratungsdiebstahl" mit Beratungsgebühren, die sie einfordern, wenn der Kunde nur ein ausführliches Gespräch sucht.

Wie berichtet, verlangt der Unternehmer und Wirtschaftskammer-Funktionär Helmuth Traxler in seinem Bogensportgeschäft in Wien-Liesing 35 Euro. Renate Spindler erbittet von Kunden in so einem Fall fünf Euro.

Noch sind solche Unternehmer in der Unterzahl. "Viele Kollegen klagen über das Problem, trauen sich aber keine Maßnahmen zu setzen", sagt Helmuth Traxler. "Weil sie Angst haben, dass die Kunden dann zur Konkurrenz gehen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kunden es verstehen, wenn man es ihnen erklärt."

Beratungshonorar

Auch der österreichische Reiseverband (ÖRV) empfiehlt seinen Mitgliedern, ein Beratungshonorar zu verrechnen.

"Natürlich reden wir hier nicht von 0815-Aufträgen", sagt ÖRV-Präsident Josef Peterleithner.

"Aber wenn jemand eine große Rundreise geplant haben möchte, kostet die Erstellung der Route viel Zeit. Uns geht es darum, klarzumachen, dass Beratung etwas wert ist, und dass die Arbeitskraft der Mitarbeiter etwas wert ist. "

Das Reisebüro Kuoni arbeitet mit so einem Honorar. Wenn ein Konsument einen Urlaub detailliert geplant haben möchte, wird eine Kaution von 55 Euro verlangt. Dafür könne sich der "bestens geschulte Mitarbeiter" die notwendige Zeit nehmen, "um den Urlaub bis ins Detail zu planen", erklärt Vertriebsleiter Harald Kraus. "Natürlich wird nichts verrechnet, wenn die Kunden die Reise dann auch buchen", sagt Kraus weiter. "Aber wenn ein Mitarbeiter eine Reise ausarbeitet – etwa eine Amerika-Rundreise mit Zwischenstopps, Transfers und den passenden Hotels – wollen wir sicher gehen, dass die Arbeit nicht umsonst war. Falls die Kunden diese Reise nicht wollen, bleibt das Geld stehen und kann bei der nächsten Reise verwendet werden. "

"Es darf nicht wurst sein, wo ich einkaufe", zitiert Rainer Trefelik, Handelsobmann in der Wirtschaftskammer Wien, die aktuelle Kampagne der Wirtschaftskammer. Diese möchte darauf aufmerksam machen, dass der stationäre Handel, den die Kunden für die Beratung gerne in Anspruch nehmen, nur dann überleben kann, wenn die Menschen dort auch einkaufen.

Dass hier Handlungs- und Aufklärungsbedarf besteht, hat ihn ein Erlebnis vor einigen Monaten gelehrt: Eine Dame sei zu ihm ins Geschäft gekommen. "Ich möchte die Schuhe von vorhin noch einmal probieren", habe sie gesagt. "Ich habe sie jetzt online gefunden und dort sind sie heute um 30 Prozent verbilligt. Deshalb muss ich jetzt schnell schauen, welche Größe die richtige ist."