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Integration in Favoriten
02/13/2016

Wenn Ex-Gastarbeiter Migranten helfen

Landsleuten wird gerne geholfen. Aber Skepsis gegenüber Flüchtlingen aus dem Nahen Osten.

von Michael Berger

Favoriten, oft als drittgrößte Stadt des Landes bezeichnet, zählt 190.000 Bürger. Davon haben 82.000 Menschen Migrationshintergrund. Mit Blick auf die erwartete Flüchtlingswelle, geht der Bezirk bei Migrations-Maßnahmen neue Wege. Die Politik setzt auf Hilfe durch assimilierter Bürger mit fremden Wurzeln.

Federführend ist Peter Florianschütz, SP-Vize im Bezirk und Verantwortlicher für Integrationsfragen. Beim Lokalaugenschein rund um den Viktor-Adler-Markt – das Grätzl wird gerne "Little Istanbul" genannt – wird schnell klar, dass die türkische Community die Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten mit Skepsis sieht.

Melahat Bicer, mit ihren Eltern 1975 als Zweijährige aus der Türkei nach Hainburg/Donau gekommen und 1981 nach Wien gezogen, hat den beruflichen Durchbruch geschafft. Die Sprecherin der 70 Standler am Markt nimmt sich in bestem Favoritner Dialekt kein Blatt vor den Mund: "Ich wollt‘ nicht mehr als Putzfrau arbeiten und hab’ mich 2001 selbstständig gemacht. Es war alles fremd, aber ich hatte Ehrgeiz."

"Die Wahrheit sagen"

Die Unternehmerin betont, "dass die Wahrheit gesagt werden muss": "Politiker müssen zwischen Kriegsflüchtlingen und anderen unterscheiden. Der Zuzug muss reduziert werden. Toleranz ist wichtig, aber Tausende wollen Europa ausnützen."

Die extrovertierte Standlerin hilft gerne bei der Integration: "Ich mache mir um den Markt Sorgen. Viele Araber und Kollegen vom Balkan können nicht Deutsch. Und bei Markt-Treffen kommen zu wenige Kollegen. Das müssen wir ändern."

Für den Soziologen Kenan Güngör ist die defensive Reaktion ein Mechanismus: "Haben sich Migranten etabliert, sehen sie neue Gruppen als Bedrohung. Es besteht die Befürchtung, wer kommt denn aller hier her?"

Diese Sorge spricht Gemüsehändler Yaruz Cemil, er reiste von der syrisch-türkischen Grenze mit seinen Eltern 1975 nach Wien, offen aus: "Die Regierung muss aufpassen, dass arabische Konflikte nicht zu uns getragen werden. Wollen sie Koranschulen? Ich nicht." Seine drei Kinder haben ihr Studium abgeschlossen, die Tochter ist bereits Apothekerin. "Meine Eltern haben alles gemacht, damit wir akzeptiert werden. Es kann und soll jeder kommen, aber der radikale Islam hat hier nichts zu suchen."

"Religiös gemäßigte, bereits integrierte Migranten assoziieren die Flüchtlingsbewegung mit Gewalt und Krieg. Daher diese Sensibilität", weiß Güngör. Für SP-Politiker Florianschütz sind moderate Muslime hilfreiche Partner bei Integrationsveranstaltungen: "Ich treffe mich regelmäßig mit den Chefs der Vereine. Ehemalige Migranten können Landsleuten Werte und Pflichten besser vermitteln." Themen sind Sprache, Schule, Wohnung oder Jobs. Es gab aber auch Info-Veranstaltungen über die Registrierkassenpflicht in der Gastronomie.

Wenig Grund zur Klage, dafür eine gesunde Portion Skepsis hat Gastronom Hamza Ates. Seine acht Kinder sind gesund, sein türkisches Lokal floriert: "Österreich ist anders als die Länder aus denen jetzt die Flüchtlinge herkommen. Die EU muss aufpassen und soll in den Ausgangsländern finanziell helfen." Der rührige Wirt war einer der Ersten, die am Hauptbahnhof im Herbst 2015 Flüchtlinge versorgten.

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