WEGA-Einsatz, Liesing

© Jeff Mangione

Tödliche Schüsse
06/25/2013

Elite-Polizisten im Visier der Justiz

20 Patronenhülsen und acht Treffer – Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

von Michael Berger

Auf der einen Seite stand ein tobender Bewohner. Er hielt ein Klappmesser in der Hand. Vis-à-vis befanden sich acht Beamte der Elite-Einheit WEGA, ausgestattet mit Schutzwesten, Taser, Pfefferspray und Schlagstöcken.

Als der Mann auf einen Beamten losging, und mit dem Messer dessen Schutzweste traf, fielen 20 Schüsse. Acht Projektile aus den Polizeiwaffen sollen den 52-jährigen Gerhard Amhofer getötet haben. Dieser Vorfall ereignete sich am 7. Juni im Gemeindebau in der Kanitzgasse in Wien-Liesing.

Am Dienstag mussten die Mitglieder der Elite-Einheit wieder vor Ort antreten. Denn die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen vier Mitglieder der Sondereinheit. Der Verdacht lautet „fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen“.

Haben die Beamten überreagiert? Ab den frühen Morgenstunden versuchte eine 20-köpfige Kommission diese Frage zu klären. Die Tatrekonstruktion im Beisein von Schießsachverständigen Ingo Wieser, Staatsanwältin Alexandra Ramusch und hohen Polizeioffizieren dauerte bis über Mittag. Das involvierte WEGA-Team war, inklusive deren Chef, Ernst Albrecht, vollzählig vor Ort.

Fahrlässige Tötung

„Wir müssen vorerst die Ergebnisse der Gutachten abwarten. Denn sie müssen mit den Erkenntnissen aus der Obduktion abgeglichen werden“, erklärte die Sprecherin der Wiener Staatsanwaltschaft, Nina Bussek, Dienstagnachmittag. Tatsache ist, dass die Staatsanwaltschaft Wien gegen die WEGA-Beamten wegen des Tatbestandes der „fahrlässigen Tötung“ ermittelt. Darauf steht ein maximaler Strafrahmen von bis zu drei Jahren Haft.

Wie heikel der Fall für die Sachverständigen ist, zeigt schon die Vorgeschichte des misslungenen WEGA-Einsatzes: Zurzeit wird der Gemeindebau saniert. Am Freitag, dem 7. Juni, fühlte sich Amhofer in der Früh vom Baulärm gestört. Es kam zu einem Streit mit den Malern. „Er war bereits einen Tag zuvor bei uns und drohte mit einem Messer“, erzählte damals Bauarbeiter Roland Porga: „Er machte den Eindruck eines psychisch kranken Menschen.“ Doch an diesem Freitag alarmierte die Hausmeisterin die Polizei. Als die Streifenpolizisten eintrafen, wollte der 52-Jährige in seine Wohnung flüchten. Eine Beamtin stellte sich ihm in den Weg. Jetzt attackierte das spätere Schussopfer die Polizistin mit dem Messer. „Mein Kollege hat mich noch weggezerrt“, gab sie zu Protokoll.

Der ehemalige Masseur verschanzte sich daraufhin in seiner Wohnung im zweiten Stock. Angesichts dieser Ausnahmesituation rückte die Sondereinheit WEGA an. Die Beamten versuchten, die Eingangstüre aufzubrechen. Mehrmals schlug der Rammbock gegen die Türe, als diese von innen aufgerissen wurde. Gerhard Amhofer stand im Türstock und stach auf den vor ihm stehenden Beamten ein. Die Klinge prallte an der Schutzweste ab. Dann fielen die tödlichen Schüsse.

Enge im Stiegenhaus

Laut Insidern dürfte der Einsatz wegen der Enge im Stiegenhaus tragisch geendet haben. Denn auf fünf bis sechs Quadratmetern bewegten sich acht Beamte und das spätere Schussopfer. Sichtachsen waren verstellt, Bewegungsfreiheit kaum gegeben. Ob unter diesen Umständen ein Taser-Einsatz möglich gewesen wäre, müssen nun die Gutachter klären.

Neun Schüsse auf Tobende: Verfahren eingestellt

Das Problem der beengten Platzverhältnisse sorgte bereits im März 2012 bei einem Wiener Polizei-Einsatz für enorme Probleme mit einer Schwerverletzten.

Damals gaben in Rudolfsheim-Fünfhaus Streifenpolizisten neun gezielte Schüsse auf eine psychisch kranke Frau ab. Die 37-Jährige wurde dabei schwerst verletzt. Erst ein Treffer in die Brust stoppte die Bewohnerin einer kleinen Altbauwohnung.

Nachdem Nachbarn die Polizei alarmierten – die Frau hatte alle Wasserhähne aufgedreht – versteckte sich das spätere Schussopfer hinter dem zugezogenen Duschvorhang in einer winzigen Küche. Als die Beamten vor der Dusche standen, sprang die Frau heraus und attackierte die vor ihr stehenden Polizisten mit zwei Fleischermessern. Ein Beamter stürzte zu Boden, ein anderer setzte den Pfefferspray ein. Doch die Tobende war nicht zu stoppen. Die Kollegen feuerten aus ihren Dienstwaffen. Ein schneller Rückzug aus der Küche war kaum möglich, man stand sich selbst im Weg. Erst im Vorzimmer brach die 37-Jährige zusammen. Die aus dem Ruder gelaufene Aktion dauerte nicht länger als maximal zehn Sekunden.

Nach dem Zwischenfall gab es Vorwürfe, warum nicht die Sonderheit WEGA zu diesem Einsatz gerufen wurde. Das Verfahren gegen die Polizisten wurde übrigens eingestellt.

Geht's auch ohne Blutbad?

Als im März vergangenen Jahres eine unter Verfolgungswahn leidende Frau in ihrer Wohnung von neun Schüssen eines Streifenpolizisten getroffen wurde, kam (auch an dieser Stelle) sofort die berechtigte Kritik auf: Warum hat der Beamte nicht auf die für solche Einsätze geschulte Alarmabteilung gewartet?

Diesmal rückte lehrbuchmäßig die WEGA aus. Und was machte sie anders? Acht Mann stürmten die Wohnung, vier Beamte zogen – keinen Taser – ihre Dienstpistolen und feuerten aus allen Rohren. Hier wie dort war ein (im aktuellen Fall tödliches) Blutbad die Folge.

Daher muss die Frage erlaubt sein: Bekommen die das mitsamt ihrer Spezialisierung und ihrem schon vor Jahren groß angekündigten unaussprechlichen Waffengebrauchsanalyseverfahren (WGAV) nicht anders hin?

Zumindest eine Erkenntnis müsste sich bis dorthin schon herumgesprochen haben: Österreichs Exekutive schießt vergleichsweise schnell. In Deutschland (zehn Mal so viele Einwohner) geben Polizisten bei Einsätzen im Jahr rund 110 Schüsse ab, das toppen wir locker.

Was noch auffällt: In vielen Fällen – wie auch in diesem – handelt es sich bei den von Polizisten Angeschossenen um amtsbekannte, psychisch problematische Personen. Die Exekutive müsste also im Vorfeld darauf vorbereitet sein, was für ein brenzliges Szenario sie erwartet. Die Gerichtspsychiaterin Sigrun Roßmanith warnt seit Jahren davor, dass Menschen mit offensichtlichem Gefährdungspotenzial so lange nicht wahrgenommen und behandelt werden, bis die absehbare Katastrophe passiert.