Chronik | Wien
13.04.2012

Was Wien unter den Nägeln brennt

Die Hauptstadt beschäftigt sich mit sich selbst: Unter dem Titel "Wiener Charta" werden Gespräche für ein "besseres Zusammenleben" geführt werden.

Die Wienerinnen und Wiener sollen miteinander Ideen sammeln, wie man am besten zusammenleben kann. Soweit die Grundidee der 1. "Wiener Charta". Zwei Wochen lang hatte ganz Wien die Möglichkeit, online oder per Telefon entsprechende Vorschläge zu machen. 1848 Postings sind auf der Homepage eingegangen, ein bunt gemischter sechsköpfiger "Beirat" hat sie nun zu drei Themenblöcken zusammengefasst, über die im nächsten halben Jahr in sogenannten Charta-Gesprächen beraten und diskutiert werden soll.

Rücksichtsvoll und miteinander

Besonders wichtig sind den Bewohnern scheinbar Respekt und Rücksichtnahme - sowohl in den Öffis und im Straßenverkehr, als auch beim Sauberhalten der Stadt und im Umgang zwischen Jung und Alt. "Das gehört sicher zu den besonderen Wünschen", sag Beirats-Mitglied Peter Pawlowsky. "Miteinander auskommen" heißt der erste von drei Themenbereichen, um die es gehen soll. Pawlowsky hat dazu einen einfachen Vorschlag eines Online-Posters parat: "Lächeln, in die Augen schauen, einfach grüßen – dann hat das Klischee vom raunzenden Wiener bald ausgedient".

Auch Migration und kulturelle Vielfalt sind zentrale Anliegen. "Nicht immer dasselbe" heißt dieser zweite Themenblock, in dem es auch um die verschiedenen Sprachen geht. "Manche Sprachen sind einfach fremd, es muss vielleicht auch über eine allgemeine Verkehrssprache in Wien geredet werden", meint dazu Peter Wesely, ebenfalls Teil des Charta-Beirats.

Ein dritter Wunsch: "Aufgeräumt wohlfühlen". "Sauberkeit ist ein Wohlfühlfaktor", meint Hebert Sommer, Hausbesorger und Betriebsrat in Simmering. "Der öffentliche Raum soll auch den Wienerinnen und Wienern gehören, es reicht nicht, ihn für Touristen herauszuputzen", ergänzt Pawlowsky. Außerdem soll die Stadt nicht nur für Autos und "Werbung und Konsumzwang" da sein.

Die Charta ist erst der Anfang

Die erwartete Beteiligung von vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen hat sich laut Pressesprecherin Eva Gassner erfüllt. "Es war der Wunsch, dass eine breite Palette von Themen angesprochen wird", sagt sie. Auch die Menge der Partner für die ab sofort stattfindenden Charta-Gespräche liegt mit über 250 hoch: "Das ist mehr als erwartet". Den Grund für das bislang große Interesse an dem Projekt sieht Gassner im "hohen Bedürfnis, über verschiedene Dinge zu reden" und "in Eigenregie" an Veränderungen zu arbeiten. Ausruhen darf sich die Stadt Wien auf diesen Dingen aber nicht. Zum einen heißt es, die Beteiligung über ein halbes Jahr hochzuhalten. Und klar ist auch, dass die Charta alleine noch nicht alles verändern wird, miteinander reden alleine löst keine Schwierigkeiten.

Sechs Monate Charta-Gespräche

Weiter geht das Projekt nun mit aktiven Gesprächen zu den einzelnen Themenbereichen. Jeder und jede Einzelne kann online oder per Telefon ein solches ins Leben rufen. Zwei "Moderatoren" sollen dann das entsprechende Gespräch leiten und etwaige Ergebnisse nachher online veröffentlichen. Am 14. Oktober soll dann eine zweite Online-Diskussionsphase beginnen, auf deren Basis man dann bis November einen Text für die Wiener Charta entwerfen möchte. Wie viel die Wiener Bevölkerung im Endeffekt  davon zu sehen und zu spüren bekommt, bleibt abzuwarten.

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