Istanbul

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Stadtbesuch
10/20/2014

Was Istanbul von Wien lernen kann

Türkische Politiker lassen sich beim geförderten Wohnbau von Wien inspirieren.

von Anna-Maria Bauer

Ungefähr doppelt so viele Einwohner wie ganz Österreich, umgeben vom Mittelmeer und ein enormer Çay-Konsum – im ersten Moment drängen sich wenig Vergleiche zwischen der größten Stadt der Türkei und der österreichischen Bundeshauptstadt auf. Einen Aspekt gibt es aber doch. In Bezug auf Stadtentwicklung sind Istanbul und Wien mit einem enormen Einwohnerwachstum konfrontiert: Während Wien kürzlich Hamburg als zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum überholt hat und 2029 die Zwei-Millionen-Marke sprengen soll, hat sich die Zahl der Einwohner in Istanbul in den vergangen zehn Jahren verdoppelt.

Und immer noch ziehen Menschen zu. Die Folge sind stark steigende Immobilienpreise und lange Wartelisten. Wohnbau- Verantwortliche beider Städte sind daher gefordert.

Grund genug für den Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig die Eröffnung der Wiener "Smart City"-Ausstellung im österreichischen Kulturforum in Istanbul mit einer Tagung zum Thema sozialer Wohnbau zu verbinden. Und sich Bauprojekte in der türkischen Stadt anzusehen.

Hoch hinaus

Die Wohnhausanlage "Metrokent" im Bezirk Basaksehir darf nicht fehlen. Im ersten Moment drängt sich ein Vergleich mit der Seestadt Aspern auf: Eine riesige Wohnsiedlung am Stadtrand, bei der nicht nur die neuen Häuser, sondern auch die dazu gehörende Infrastruktur geschaffen werden muss.

Doch bei der Besichtigung des Großprojekts lassen sich rasch Unterschiede erkennen. Bonbonfarben und Dutzende Stockwerke hoch ragen die Türme in die Höhe. Auf die Frage, woher der städtische Bauträger Kiptaş das Geld für Schulen oder Kindergärten aufbrachte, kommt die Antwort: Von dem Geld der verkauften Wohnungen. Denn im Gegensatz zu Wien setzen die Istanbuler auf gefördertes Eigentum. Wohnbaustadtrat Ludwig dazu: "Bewohner von Mietwohnungen sind viel flexibler."

Auch gibt es keine Wartelisten. Wer eine Wohnung bekommt, entscheidet das Los. Und noch ein weiterer Unterschied: Das Gebiet war davor bebaut. Mit ärmlichen Häusern, errichtet in wenigen Stunden. Ein Obdach, das über Nacht auf öffentlichem Grund errichtet wurde, darf nicht abgerissen werden. Doch da Einfamilienhäuser in Zeiten der Bevölkerungsexplosion nicht praktisch sind, wurde den Hausbesitzern gegen Aufgabe ihres Grundes eine gratis Wohnung in einem der Hochhäuser geboten.

Nichts geht

Der Weg von der Wohnsiedlung zurück ins Zentrum dauert mindestens doppelt so lang wie der Hinweg. Die Rush Hour hat eingesetzt. In Istanbul, wo drei Viertel aller Wege mit dem Auto zurückgelegt werden (zum Vergleich: In Wien sind es rund 30 Prozent), bedeutet das stundenlangen Stop-and-go-Verkehr.

Der öffentliche Verkehr ist jedenfalls ein Punkt auf der Agenda von Istanbuls Oberbürgermeister Kadir Topbaş. Sein Wahlversprechen: 600 Kilometer Schienen und die Verbindung der U-Bahn unter dem Bosporus. Um den Verkehr zu reduzieren, stößt das Smart-City-Konzept auf Interesse: Eine Stadt braucht kurze Wege, damit die Bewohner zu Fuß oder mit dem Rad zurecht kommen. Aber nicht nur beim Verkehr, auch zum Thema Abfallentsorgung und Regenwasserabflüsse suchen die türkischen Wohnbauverantwortlichen Lösungen und das Gespräch mit Wiener Experten. Gerade das Wasser wird aufgrund der stärker werdenden Niederschläge auch in Wien zum Problem. Der Kanal alleine kann die Wassermassen nicht bewältigen. So werden nach der neuen Bauordnung Versickerungsflächen auf privatem Grund gefördert. Das wäre auch für Maltepe überlegenswert, sagt der dortige Bezirksvorsteher, dessen Bezirk aufgrund der starken Gefälle mit Überschwemmungen konfrontiert ist.

Der wienerisch-türkische Austausch soll jedenfalls fortgeführt werden. Im November wird eine Delegation zu Ludwig nach Wien kommen.

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