Vor 35 Jahren stürzte die Reichsbrücke ein

Foto: KRISTIAN BISSUTI KURIER/kristian bissuti

Als vor 35 Jahren die Reichsbrücke einstürzte, war Stadtrat Hofmann auf Urlaub. Es kostete ihn sein Amt. Ein Blick zurück.

Noch immer sind seine Erinnerungen an die ersten Augusttage des Jahres 1976 lebendig. Als am Montag auf den Tag genau vor 35 Jahren, kurz vor fünf Uhr in der Früh, die Wiener Reichsbrücke in sich zusammenstürzte und sich Tausende Schaulustige an der Unglücksstelle versammelten, fehlte einer, der in diesen Tagen nicht hätte fehlen dürfen: Franz Hofmann, Planungsstadtrat der SPÖ.

Samt Familie weilte er im Schweizer Zermatt auf Urlaub. Er ahnte nichts von dem Gelenkbus, der tagelang auf der Donau trieb. Und nichts von jenem Ford Escort samt Lenker, den die Trümmer der Brücke unter sich begraben hatten.

Funkloch

Foto: KRISTIAN BISSUTI KURIER/kristian bissuti

Handys gab es nicht, Schweizer Medien berichteten nur wenig über das Ereignis im 1000 Kilometer entfernten Wien. "Bis einen Tag vor dem Einsturz habe ich täglich mit meinem Büro telefoniert", sagt der Wiener. Doch dann ging es hoch in die Berge und Hofmann fiel in ein tiefes Funkloch - für seine Genossen war er vier Tage unerreichbar. Bürgermeister Leopold Gratz vermutete ihn in Italien. Über Zeitungen ließ er nach ihm suchen. "Wer sah Stadtrat Hofmann? Er fährt einen gelben Mercedes 280", lautete ein Inserat.

35 Jahre später sitzt der heute 83-Jährige im Café Eiles und erinnert sich. Wie erfuhr er in den Schweizer Bergen, dass er in Wien gebraucht wurde? "Am vierten Tag nach dem Unglück sprach mich eine fremde Frau auf einem Parkplatz an", sagt Hofmann. "Über Ihna schimpfens", sagte die Schweizerin. "Für einen Politiker nichts Ungewöhnliches", sagt Hofmann heute und schmunzelt. "Also habe ich geantwortet: Des waß i eh." Es war das erste Mal, dass er vom Einsturz erfuhr.

Dann ging alles schnell. Die Wiener Genossen schickten ein Flugzeug nach Zürich, Hofmann kehrte heim und bot Gratz den Rücktritt an. Die Kronen Zeitung habe ihm eine Affäre angedichtet, sagt er heute. Und der KURIER forderte indirekt seinen Rücktritt ("Einer muss gehen" , lautete die Schlagzeile). Die Medien machten ihn zu dem Stadtrat, der auf Urlaub war, als man ihn brauchte. Und Hofmann ging.

Erst der Blick zurück legt die Sicht frei auf die Verdienste des Politikers. Hofmann engagierte sich stark für den Hochwasserschutz. Und - noch wichtiger - ohne ihn wäre die Donauinsel heute nicht das, was sie ist: Ein Naherholungsgebiet, das die Wiener schätzen gelernt haben. Heute noch ist er zu Recht stolz, sich niemals von dem Unglück distanziert zu haben. "Ich habe die Verantwortung getragen", sagt er. Auch wenn Experten Monate später zu dem Ergebnis kommen sollten, dass der Einsturz nicht zu verhindern war.

Und so wie auch der Bus, der tagelang auf der Donau trieb, nach dem Unglück wieder auf Wiens Straßen verkehrte, zog auch Hofmann wieder ein in die Stadtregierung. Fünf Jahre nach dem Unglück wurde er erneut Planungsstadtrat. Und die neue Reichsbrücke steht noch immer.

(kurier) Erstellt am
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