Chronik | Wien
11.06.2017

Treffpunkt Wien: Mit Chucks in die Hollerei

Für vegetarische Speisen sucht Bestsellerautorin Cornelia Travnicek die Hollergasse 9 auf.

Wer dieser Tage in Wien eine Speisekarte aufschlägt, findet dort zumindest eine vegetarische und höchstwahrscheinlich auch eine komplett vegane Speise. In den späten 1990ern war das anders. "Damals sind immer wieder Leute aufgestanden, weil es bei uns kein Schnitzel gab", erzählt Gastronom Margit Stolzlechner. Denn die Hollerei, die sie seit knapp 20 Jahren mit ihrem Mann André führt, war eines der ersten Lokale in der Bundeshauptstadt, in dem hauptsächlich vegetarische Gerichte angeboten wurden.

Von vielen Gästen wurde das Lokal dann aber genau wegen der Speisenwahl immer wieder gern aufgesucht. Zum Beispiel von der Autorin Cornelia Travnicek, die 2012 mit "Chucks" ihr Romandebüt feierte (das drei Jahre später dann auch verfilmt wurde) und die soeben ihren neuesten Gedichtband herausbrachte.

Auch an diesem kühlen Frühsommerabend hat sich die 30-Jährige wieder einmal in dem Restaurant mit der dunkeln Holzvertäfelung, der Originalschank aus den 50er-Jahren und dem romantisch zugewachsenen Schanigarten eingefunden.

Avocado

Nach kurzem Blick in die Karte entscheidet sie sich für die Seitan-Avocado-Roulade. Seit 15 Jahren lebt Travnicek vegetarisch, seit vier Jahren fast nur mehr vegan. "Ich habe den Unterschied zwischen Haus- und Nutztier einfach nie verstanden", sagt sie, "wieso wird das eine gestreichelt und das andere umgebracht?"

"Du bist, was du isst! / Also ein / verängstigtes Stück Vieh." So heißt es passend dazu in "Säue", einem der Gedichte in ihrem neuem Band "Parablüh", Untertitel: "Monologe mit Sylvia". Denn das Werk ist eine Auseinandersetzung mit Sylvia Plaths "Der Koloss", einem von zwei Gedichtbänden der großen amerikanischen Schriftstellerin, die sich 1963 im Alter von nur 30 Jahren das Leben nahm und wenig später zur Symbolfigur der Frauenbewegung wurde.

"Ich habe eine Biografie von Plath und ihrem Mann, Ted Hughes, gelesen", erzählt Cornelia Travnicek, während ihr die Roulade serviert wird. "Da kamen einzelne Gedichtzeilen vor. Die haben mich sofort angesprochen und einen Widerhall erzeugt. Ich wusste, das wollte ich mir näher ansehen." Der rasch besorgte Gedichtband landete zunächst im Regal. Erst ein Lyrikseminar rief ihn wieder in Erinnerung und sie begann täglich ein Gedicht zu lesen, es sackenzulassen und dann ihr eigenes zu verfassen.

Aufschwung

Das Ergebnis sind 44 starke, klare Texte, die berühren, aufrütteln, manchmal verstören. Von Aufschwung ist ebenso die Rede, wie von Arbeitslosigkeit oder den Spinnweben der Altweibersommer.

Ob langsame Gedichte in der hektischen Zeit von heute überhaupt noch einen Platz haben? "Aber klar", meint Cornelia Travnicek. "Gerade in der hektischen Welt. Yoga, Meditation, bei all diesen Dingen geht es doch auch darum, den Geist für einen Moment zu sammeln, sich auf ein Ding zu fokussieren. Genauso könnte man es mit Gedichten machen: Man nimmt sich einfach jeden Tag zehn Minuten Zeit, liest ein Gedicht und schaut, was dann passiert, was für Assoziationen kommen. Gedicht-Meditation, quasi. Vielleicht ist das in fünf Jahren ein großer Trend." Deshalb sei es jedenfalls auch so schön, dass sich Kleinverlage dieser Literaturform anzunehmen. Und dass es genug Förderungen für sie gebe. Denn immer mehr der großen Verlage nehmen Gedichte komplett aus ihren Repertoires.

Ähnliches wie Kleinverlage für Herzblutlyriker macht die Hollerei für aufstrebende Künstler.

Genau gegenüber des Lokals befindet sich die Hollerei Galerie, in der Werke aufstrebender Künstler gezeigt werden, Kochworkshops abgehalten und Passanten zu Einstiegssammlern werden sollen. Weil Kunst nicht genug gefördert werden kann.

Das Lokal und die Autorin

dd ddZur PersonCornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Sie studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Ihr Romandebüt „Chucks“ (2012) wurde 2015 verfilmt.

Zur Person

Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Sie studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Ihr Romandebüt „Chucks“ (2012) wurde 2015 verfilmt.

Mit „Parablüh“ greift Travnicek auf die autobiografische Lyrik der Amerikanerin Sylvia Plath zurück. Zu jedem Gedicht in Sylvia Plaths Band „Der Koloss“ hat Travnicek eine Entsprechung geschrieben. Erschienen im Limbus Verlag mit einem Nachwort von Daniela Strigl. 88 Seiten, 13 Euro.

Zum Restaurant

Vegetarische und vegane Speisen. Etwa Rotes Thai Curry oder Spargellasagne (je 13,90 €). Einladender Schanigarten, täglich von 11.30h bis 23h bzw. am Sonntag bis 15h geöffnet.

Die Galerie gegenüber des Lokals zeigt Kunst ausgewählter Kunstschaffender.

ParablühMit „Parablüh“ greift Travnicek auf die autobiografische Lyrik der Amerikanerin Sylvia Plath zurück. Zu jedem Gedicht in Sylvia Plaths Band „Der Koloss“ hat Travnicek eine Entsprechung geschrieben. Erschienen im Limbus Verlag mit einem Nachwort von Daniela Strigl. 88 Seiten, 13 Euro.