Chronik | Wien
25.12.2017

Treffpunkt Wien: Himmlischer Besuch im Bendl

Der Blonde Engel feierte heuer zehnjähriges Jubiläum. Eines seiner Lieder wurde im Café Bendl geboren.

Es ist eine Wolke aus Rauch, Alkohol und Stimmengewirr, in die man fast immer eintaucht, wenn man das Café Bendl betritt.

Und in die tauchte auch der Blonde Engel ein, als er sich zu späterer Stunde wieder einmal mit einem Freund dort einfand. Der Linzer Musiker und Unterhalter mit den raffinierten Texten und dem ausgezeichneten Gitarrenspiel erlangte 2011 durch den Satire-Nespresso-Song "What Else?" österreichweite Bekanntheit. An diesem Abend konnte er gerade noch einen Platz an der Bar ergattern und begann – aus heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen – intensiv über Nintendo Lightguns (Laserpistolen für die Spielkonsole, Anm.) zu diskutieren. Irgendwann gesellte sich sogar ein anderer Gast dazu. Und so debattierten die drei, allesamt Geisteswissenschaftler, stundenlang über physikalische Grundkenntnisse, von denen sie keine Ahnung hatten. Bis der Freund den prägenden Satz sprach: "Du hoist nimma auf, wos’d durch Rilke vasamst."

Ein Satz, der Angel (sprich: "Aeindschl") so gut gefiel, dass er ihn später in einem Lied verarbeitet hat.

Gemma Bendl

An diesen Abend erinnert sich der Blonde Engel, als er den KURIERin dem Café zum Gespräch trifft. Weil diese Szene bespielhaft dafür sei, was im Bendl so passieren kann (nämlich alles) und wie die besten Lieder entstehen (beim Herumalbern).

Es ist ein Dezembertag, kurz vor Mittag und das Lokal ungewohnt leer und sonnenerleuchtet. "Ich wusste gar nicht, dass das Lokal so früh aufsperrt", gesteht Angel und bestellt sich ein Paar Frankfurter. Der Blick fällt auf die vergilbte Tapete, die durchgesessene braune Sitzpolsterung, den Wurlitzer, der mit Elvis und Johnny Cash ausgestattet ist.

Tatsächlich sperrt das Lokal, das unter Studenten so etwas wie Kultstatus erreicht hat, wochentags sogar schon um 8 Uhr auf. Obwohl es zu der Zeit nur spärlich besucht ist, hat Jürgen Bauer daran nichts geändert, als er das Café vor zwei Jahren übernommen hat: "Eines hab ich schnell gelernt: Am besten lässt man alles so wie es ist."

Bauer, ein gebürtiger Deutscher, kam vor 35 Jahren wegen eines Karatemeisters nach Wien, hat jahrelang Techno-Partys organisiert und vor drei Jahren entschieden, es ein weniger ruhiger anzugehen. Genau zu dieser Zeit stolperte er auf Willhaben über die Anzeige, dass das Café Bendl einen Besitzer suchte. Schöner Zufall.

Goldene Leggins

Ein anderer schöner Zufall hat dem Blonden Engel seinen Namen eingebracht. Er hatte als Jugendlicher ein Lied mit dem Refrain Und er wird kommen, ein Engel wunderbar, mit grüner Brille und langem blonden Haar geschrieben. Als er das bei einem Liederabend vortragen wollte, schrieb der Lehrer: "Spezialgast: Blonder Engel."

Heuer ist es genau zehn Jahre her, dass er dann zum ersten Mal mit goldener Leggins und weißen Flügeln auf der Bühne Platz genommen hat. (Ein Bühnenoutfit, das eindeutig nicht zu den praktischsten zählt, wie er heute weiß. Stichwort: Zu groß für die Garderobe.) Als Jubiläumsgeschenk an sich selbst hat er im November nun ein Jubiläumsalbum herausgebracht, ein Potpourri aus Hits und neuen Stücken, mit dem er auch im Neuen Jahr nochauf Tour sein wird.

Zunächst gibt es aber eine Weihnachtspause.

Das Weihnachtsmenü bei ihm zu Hause? " Oberösterreich ist da ja eigen", sagt Angel. "Da gibt’s am Heiligen Abend oft Bratwürstel. Bei mir daheim ist es noch ungewöhnlicher. Bei uns gibt’s immer Schinken-Lauch-Brötchen. Meine Mutter hat die einmal aus Verlegenheit gemacht. Aber man weiß ja, wie das mit Weihnachtstraditionen so ist. Was einmal eingeführt worden ist, darf nie wieder geändert werden."