Chronik | Wien
21.01.2018

Treffpunkt Wien: Ein Opern-Tenor in der Singerstraße

Nach Auftritten an der Staatsoper kehrt Sänger Piotr Beczala regelmäßig im Restaurant Firenze ein.

Für einen Tenor, so sagt man, gibt es ein Leben vor Don José – und eines danach. Weil die männliche Hauptrolle in Georges Bizets Oper "Carmen" mit so vielen Erwartungen aufgeladen, von den Vorgängern stimmlich so geprägt ist, dass sie auch für geübte Sänger eine Herausforderung darstellt.

Dem Tenor Piotr Beczala steht dieses Debüt in zwei Tagen bevor – und zwar an der Staatsoper in Wien. Eine Stadt, zu der er eine besondere Verbindung hat. Denn Piotr Beczala – der 2015 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet wurde – hat zwar in Polen Gesang studiert und in Linz seine ersten Engagements gehabt. Seine ersten Auftritte hatte er dennoch in Wien.

Auf den Straßen Wiens

Er war vor 28 Jahren. Beczala war Student und für einen Besuch nach Wien gekommen, als ihm die Sänger auf der Kärntner Straße auffielen. "Irgendwann habe ich mich auch hingestellt – und die Leute haben mir tatsächlich Geld hingeworfen. Also habe ich meinen Besuch verlängert", sagt er und lacht. "Ich habe tagsüber gesungen und war abends in der Staatsoper. Stehplatz natürlich. Als Student konnte ich mir nichts anderes leisten. Diese Abende waren der Himmel."

Wenn er heute auf der Staatsopernbühne steht, blickt er manchmal zu den Stehplätzen und überlegt, ob dort auch ein junger Mensch steht, der von dieser Welt so fasziniert ist, wie er.

Als er das erzählt, befindet sich Beczala nur wenige Schritte von einem seiner frühen Sing-Stammplätze entfernt, in der Singerstraße 3, die er wohl auch nach seiner Carmen-Premiere in zwei Tagen aufsuchen wird.

Denn wenn er für einen Auftritt in Wien ist, kommt er nicht umhin, im Restaurant Firenze einzukehren. Nicht nur weil er die mediterranen Speisen schätzt (er hat soeben ein Wolfsbarschfilet mit einem Rote-Rüben-Risotto bestellt) oder die italienischen Weine (er nimmt einen Schluck vom Gelben Muskateller). Sondern auch um sich mit dem Restaurantbesitzer Peter Kremslehner auszutauschen.

"Wir Opernsänger sind Nomaden. Da ist es schön, wenn man in einer Stadt einen Ort findet, an dem man immer wieder willkommen ist." So einen Platz hat Beczala bei Peter Kremslehner jedenfalls. Denn der 80-jährige Besitzer ist seit seinem 16. Lebensjahr Opernliebhaber.

Besonders die italienische Oper hat es ihm angetan. Deshalb orientierte er sich beim Restaurant, das er 1984 als Teil des Hotel Royal in der Singerstraße eröffnete, auch an einem italienischen Renaissancepalast. Er schaffte Möbel aus einem ehemaligen Herrenhaus an und eine römische Statue, ließ Rundbögen errichten und Landschaftsgemälde anfertigen, die einem das Gefühl geben, man befände sich in der Toskana. "Den Wein habe ich von Anfang an von Italien nach oben geholt", sagt Kremslehner. "Das war allerdings nicht erlaubt, deshalb war das relativ schwierig."

Apropos: Relativ schwierig. Was ist für Piotr Beczala gerade die größte Herausforderung? Der Sänger lacht. Herausforderungen gibt es viele. Ende März hat er sein nächstes Rollendebüt in der Metropolitan Opera in New York. Als Rodolfo in Luisa Miller.

Am schwierigsten sei es aber eigentlich, Nein sagen zu lernen. "Natürlich freut man sich über jedes Angebot. Aber man kann unmöglich jeden Tag singen." Wegen der Stimme? "Wegen der Emotionen", sagt Beczala. "Wenn wir auftreten, dann singen und spielen wir nicht nur, dann brennen wir. Und das geht nicht jeden Abend."

Übermorgen in Carmen ist es aber definitiv wieder einmal so weit.