Chronik | Wien
08.09.2018

Treffpunkt Wien: Der spielerische Ausgleich

Wenn Schauspieler Georg Friedrich nicht arbeitet, ist er häufig im Billard-Café Weingartner anzutreffen

Georg Friedrich beugt sich über den Billardtisch, kneift die Augen zusammen und stößt mit dem Queue die weiße Kugel an. Sie sollte die beiden anderen Kugeln und drei Banden treffen. (Es gelingt diesmal nicht ganz.)

Georg Friedrich hat sich im Café Weingartner zum Karambolspielen eingefunden, „der einzig wahren Billard-Variante“. Er lacht. „Nur im Urlaub, wenn’s keinen Karambol-Tisch gibt, spiel ich zur Not auch Pool (die populärste Billard-Variante, bei der die Kugeln in Taschen versenkt werden, Anm.)“, sagt er, während ihm Heinrich Weingartner junior einen Kaffee serviert.

Den Lokalbesitzer kennt er gut. Mitunter kommt der Schauspieler (bekannt für seine Rollen in „Hundstage“, „ Hotel Rock ’n’ Roll“ oder „Die Wilde Maus“) jeden zweiten Tag in das Lokal in der Goldschlagstraße 6. „Eigentlich habe ich nur zwei Beschäftigungen“, sagt er und kreidet dabei den Queue ein, „arbeiten oder Billard spielen“. Er grinst.

Warum diese Sportart? Er zuckt mit den Schultern. „ Ich war immer viel in Cafés und oft in einem mit Billardtisch.“ Er setzt zum nächsten Zug an.

„Viele wissen das ja nicht mehr“, hakt Lokalchef Weingartner hier ein. „Aber der Zweck von Kaffeehäusern war nicht die Verköstigung, sondern die Unterhaltung, deshalb gab es eigentlich immer Billardtische in Cafés. Und wissen Sie, warum der Tischbezug grün ist?“ , fährt er fort. „Weil Billard seinen Ursprung in Rasensportarten wie Golf hat.“ Weingartners Wissen über die Welt des Billard ist fast so umfangreich wie das seines Vater, Heinrich Weingartner senior, der rechts des Eingangs sitzt.

Billard-Pionier

Der 78-Jährige ist nicht nur 15-facher Staatsmeister und einmaliger Europameister im Billard, er hat 1962 eine Billard-Zeitung und 1964 ein Billard-Fachgeschäft eröffnet, (15., Neubaugürtel 11), 1987 eine Billardschule (15., Goldschlagstraße 3) und 1992 ein Billardmuseum (15., Goldschlagstraße 1) ins Leben gerufen.

Ein Museum ist das Kaffeehaus mit der alten Schank, dem großen Zeitungstisch und den historischen Drucken an der Wand selbst ein bisschen. Besonders stolz ist Weingartner jr. auf eine Vogelschau der Stadt Wien um 1683 in Farbe: „Dieses Bild ist in jeder zweiten Amtsstube, aber immer nur in Schwarz-Weiß.“ Das handgemalte Duplikat von Van Goghs „Das Nachtcafé“ links der Schank hat Georg Friedrich dem Lokal geschenkt. Er hat es aus dem Urlaub mitgenommen.

Georg Friedrich steht im Raucherkammerl, zieht an der Zigarette. Die Urlaubszeit ist vorbei. Es sei noch „die Ruhe vor dem Sturm“, aber es ginge schon wieder los. Sein Fokus liegt derzeit auf Kinofilmen. Ulrich Seidls „Böse Spiele“ ist etwa noch nicht abgedreht, andere Projekte sind im Gespräch. Zu sehen ist er aktuell in „Asphaltgorillas“.

Ruhe-Zeiten

In der jüngsten Zeit achtet er aber darauf, nicht zu viele Projekte am Laufen zu haben. „Ich muss mich bei der Arbeit extrem konzentrieren. Ich kann auch nicht in Drehpausen mit Kollegen scherzen oder private Sachen besprechen, ich kann nicht einmal ein Buch lesen.“ Deshalb brauche er zwischendurch Ruhe. „Ich muss ja wieder aus was schöpfen können.“

 

So gesehen sei er froh, dass das Engagement an der Berliner Volksbühne zu Ende sei. „Obwohl das das einzige Theater war, an dem ich gern war. Sonst mag ich die Theateratmosphäre nicht. In Wiener Theaterkantinen wird so viel geklugscheißert. In der Volksbühne ist man nach der Probe in der Kantine gesessen und hat über alles geredet, nur nicht über die Arbeit. Da hab ich mich immer wohl gefühlt.“ Ein bisschen lag das vielleicht auch an dem Umstand, dass man mit Wiener Dialekt in Berlin einen Bonus hatte. Er grinst.

Würde er nach Berlin ziehen? „Naa.“ Er schüttelt den Kopf. „Auch wenn ich die Stadt und die Leute mag. Aber in Wien hat ma seine Ruh.“

Georg Friedrich dämpft die Zigarette aus und nimmt den Queue. Er ist am Zug.