Chronik | Wien
16.07.2017

Treffpunkt Wien: Darf’s ein bisschen Meer sein?

"Das Floß der Medusa" heißt Franzobels neuer Roman. Nordseefeeling holt er sich im Wulfisch.

Urlaub in Norddeutschland? Das hat sich der österreichische Schriftsteller Franzobel jahrelang nicht vorstellen können. Urlaub bei den Deutschen – und dann auch noch an einem Meer, das zu kalt ist, um darin baden zu können. Worin, bitte, sollte da der Reiz liegen? Aber dann war er 2008 Inselschreiber auf Sylt (ein achtwöchiges Stipendium für Autoren, Anm.) und war so begeistert – von der Dünenlandschaft, von der Atmosphäre, von dem Wind, der ständig wehte und alles durchlüftete – dass er seitdem immer wieder dorthin auf Urlaub fährt.

Und wenn Franzobel zwischendurch in Wien ein wenig Nordsee-Feeling spüren möchte, dann sucht er die Haidgasse im 2. Bezirk auf. Denn in der Nummer 5 befindet sich das "Wulfisch", ein norddeutsches Lokal mitten in Wien. "Es hat natürlich keine Dünen und auch kein Meer, aber ein bisschen wie in Hamburg fühlt man sich", sagt Franzobel, als er sich an diesem heißen Sommertag in dem Lokal von Stephan und Valerie Wulf für einen Mittagssnack einfindet.

Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass der in Kiel geborene Stephan Wulf beschloss, sich in seiner Wahlheimat Wien selbstständig zu machen. Er spazierte also auf der Suche nach einem Lokal durch Wiens Straßen – und stieß auf den leeren Friseurladen in der Haidgasse.

Krabbenproblematik

Heute befindet sich in dem ehemaligen Friseur ein hell eingerichtetes Lokal mit blau-weiß-gestreifter Markise, großen Meeresbildern an den hohen, weißen Wänden und einem kleinen, hölzernen Schanigarten. Gemeinsam mit seiner Wiener Frau Valerie bietet Wulf Brötchen, Wraps und Salate mit Lachs, Garnelen und Krabben an.

Beim Blick auf die schwarze Tafel über der Theke fällt der Preis für die Nordseekrabben auf – der um einiges höher ist, als der für die anderen Fische. "Ja, das ist ein großes Problem", räumt Wulf ein. "Zwölf Euro ist echt sportlich für ein Fischbrötchen, das weiß ich. Vergangene Woche waren wir noch bei sieben Euro. Aber die Preise für Nordseekrabben explodieren gerade." Schuld sei der Wittling – ein Fisch, der die Krabben frisst, bevor sie ins Netz gehen. Und was schwer zu fangen ist, wird teuer, seufzt Wulf. Franzobel entscheidet sich dennoch für einen Salatteller mit Garnelen, Matjes und Krabben.

Mit dem Meer hat auch sein neuer Roman "Das Floß der Medusa" zu tun, aus dem er am Donnerstag beim O-Töne-Literaturfestival im MuseumsQuartier lesen wird.

Schiffstragödie

Vorlage war eine grausame Schiffskatastrophe vor 200 Jahren. Als 1816 die Fregatta Medusa vor der Küste Senegals strandete, gab es zu wenige Rettungsboote. Für die übrigen 150 Passagiere wurde zunächst ein Floß gebaut. Doch rasch erkannten die Verantwortlichen, dass die Konstruktion zu schwer war. Also kappten sie das Rettungsseil und überließen die Menschen auf dem Floß ihrem Schicksal. 13 Tage später wurde das Floß gefunden: Von 147 Personen hatten 15 überlebt – unter anderem, weil sie ihre Schicksalsgenossen verspeist hatten. Zwei von ihnen schrieben die Geschichte später nieder. "Und die geht so an die Grenze des Menschlichen", sagt Franzobel, während ihm die Fischsalate serviert werden. "Das hat mich unglaublich inspiriert. Diese Frage: Gibt es eine Moral, wenn es ums bloße Überleben geht. Ich habe mich hingesetzt und drei Jahre wie ein Verrückter geschrieben."

Feste Arbeitszeiten hat Franzobel nicht. "Ich bin ja nicht Künstler geworden, um mich an Schreibzeiten zu halten." De facto sei es so: "Wenn ich drin bin, schreibe ich jede freie Minute. Ich habe das Gefühl, da ist ein Film und den muss ich aufschreiben. Das ist eine Parallelwelt, die oft stärker wird als das reale Leben." Ein bisschen normale Welt gibt es zwischendurch natürlich. Und wenn ihn der Hunger überrascht, geht er oft in die Haidgasse 5, in das Lokal, das so wulfisch ist.