Chronik | Wien
25.06.2017

Treffpunkt Wien: Außenbüro einer Bloggerin

Im 7*Stern-Café hat "DariaDaria" ein zweites Wohnzimmer gefunden.

Eine Viertelmillion Menschen besuchen pro Monat ihre Webseite, 121.000 Fans verfolgen auf Instagram ihren Updates über nachhaltige Modelabels, Reiseerfahrungen oder auch den Klimawandel.

Die Wienerin Madeleine Alizadeh – Fans besser bekannt als "DariaDaria" – zählt zu den erfolgreichsten Bloggern des Landes.

Aber auch wenn ihre Bilder, Blogeinträge und Videos einen sehr sozialen und umtriebigen Eindruck erwecken – ein Großteil des Bloggerberufes besteht darin, am Computer zu arbeiten. Weil Madeleine Alizadeh nach einer Zeit zu Hause die Decke auf den Kopf fallen würde, packt sie öfters ihren Laptop und verlegt ihren Arbeitsplatz einfach ins Kaffeehaus. Zum Beispiel ins Café 7*Stern in Neubau, einem Kaffeehaus mit Wohnzimmeratmosphäre, großem Schanigarten und Veranstaltungssaal, in dem sich immer mehr Menschen auch untertags zum Lernen oder Arbeiten einfinden.

Als der KURIER das Lokal betritt, sitzt Madeleine Alizadeh am langen Gemeinschaftstisch über ihren Laptop gebeugt; neben ihr ein Zitrone-Ingwer-Tee. "Aber nein, der Lärm macht mir gar nichts", meint sie und klappt ihren Computer zu. "Ganz im Gegenteil, ich bin gerne dort, wo etwas passiert. Man kommt ins Gespräch, wird inspiriert, findet neue Themen."

Fleischlos

Vor vier Jahren haben Günther Hopfgartner – vormaliger Betreiber des Badeschiffs – und Stephanie Pumberger in dem ehemaligen kommunistischen Parteilokal das Café 7*Stern mit seinen bunt zusammen gewürfelten Sesseln und Couches eröffnet.

Anfangs hat es nur einen Barbetrieb am Abend gegeben. Doch schon bald wurde das Konzept um ein Frühstück (das es mittlerweile bis 16 Uhr gibt) erweitert – "weil ohne Frühstück in Wien nichts geht", sagt Hopfgartner mit einem Augenzwinkern. Mittags hat sich dann eine stets wechselnde Lunchbowl mit Gemüse und cremigen Salsas etabliert ist.

Die meisten Gerichte im 7*Stern sind fleischlos, viele – etwa die Kuchen – sogar vegan. Für Madeleine Alizadeh, die sich seit zwei Jahren zu 98 Prozent tierproduktfrei ernährt, auch ein Grund, warum sie das Lokal nicht nur zum Arbeiten, sondern auch für private Treffen aufsucht.

Dass sie einmal von ihren Blogeinträgen und Berichten leben könnte, das hat sich die heute 27-Jährige nicht gedacht, als sie 2010 nach dem Besuch einer Demo gegen die Kürzung der Familienbeihilfe ihren ersten Blog-eintrag verfasste.

Vielleicht ist genau das ein Grund für ihren Erfolg, weil sie ohne Kalkül oder Berechnung an die Arbeit herangeht, sondern sich einfach von der Seele schreibt, was sie beschäftigt.

Der Moment, an dem sie das erste Mal ahnte, in welche Richtung sich ihr Hobby entwickelt könnte, kam zwei Jahre später. Als sie – eine Studentin mit Anfang 20 – das erste Mal auf eine Pressereise eingeladen wurde. "Das war schon surreal", sagt sie.

Vom Finden des Glücks

Surreal, das ist irgendwie auch die Social-Media-Blase, in der sie sich berufsbedingt sehr viel bewegt. "Man glaubt, einen Menschen zu kennen – dabei sieht man nicht einmal zwei Prozent seines Lebens. Man sieht vielleicht das coole Badefoto von den Bahamas, aber nicht, wie die Person davor Durchfall hatte oder wie sie einen super Streit mit dem Partner hatte."

Neid ist aber natürlich ein großes Thema, räumt Madeleine Alizadeh ein. "Deshalb habe ich jetzt auch angefangen, Profilen zu entfolgen, bei denen ich so ein nagendes Gefühl bekomme, bei denen ich mich schlecht fühle."

Sich mit dem umgeben, was einem guttut – das war durchaus ein Entwicklungsprozess. Im Zuge der Flüchtlingskrise vor zwei Jahren bekam sie aufgrund ihres sozialen Engagements große mediale Aufmerksamkeit. Auf die gesteigerte Reichweite folgten die Werbeaufträge. "Ich verdiente richtig viel Geld", erzählte Madeleine Alizadeh , während sie ihren Tee austrinkt. "Bis mir klar wurde, dass mir das nichts bringt. Ich war gestresst, ich hatte überhaupt keine Zeit. Ich hatte nicht einmal Zeit, das Geld, das ich verdiente, auszugeben." Heute ist sie bei ihren Kooperationen wählerischer. "Ich habe erkannt, dass ich gar nicht so viel brauche. Ich bin gern mit meinen Freunden in dem Gartenhaus, das wir uns als Gruppe gemietet haben. Nichts gibt mir mehr, als auf der alten Matratze auf dem Dach zu liegen und die Sterne zu sehen. Das finde ich 1000-mal geiler, als mit Karl Lagerfeld am Tisch zu sitzen."