Chronik | Wien 05.12.2011

Tote Tiere in der Tiefkühltruhe

Alexander Hengl und sein Team inspizieren Wiens Lokale und finden dabei Dinge, nach denen sie gar nicht gesucht haben.

Und plötzlich stieß ich im Dunkeln auf dieses leblose Gebiss", sagt Alexander Hengl. "Ein toter Körper lag in der Tiefkühltruhe mitten in diesem finsteren Kellerabteil und ich wusste nicht, was als Nächstes geschehen würde." Hengl ist weder Polizist noch Gerichtsmediziner. Alexander Hengl ist Lebensmittelinspektor der Gemeinde Wien. Das "leblose Gebiss", von dem er spricht, gehörte einem Schäferhund, der fein säuberlich in Plastik verpackt in einer Kühltruhe einer Wiener Pizzeria lagerte. Hengl machte den Laden sofort dicht.

Er erzählt diese Geschichte während er mit Haarnetz und weißem Kittel ausgestattet die Küche eines Chinarestaurants in Wien-Rudolfsheim inspiziert. Auf dem Herd köchelt eine süß-säuerliche Suppe. Einmal mehr öffnet er die Kühltruhe. Toter Fisch. "Nicht zu kalt, nicht zu warm. Ideale Temperatur." Frau Li, die Besitzerin des Restaurants, folgt freundlich lächelnd. "Noch was zu trinken?"

Der strenge Blick Jahr für Jahr führen Hengl und seine 79 Kollegen vom Magistrat bis zu 15.000 Lokalkontrollen in der ganzen Stadt durch. Sie schauen Haubenköchen ebenso auf die Finger wie Würstelstandlern. China-Restaurants werden inspiziert, Kebapstandln kontrolliert und Schnitzelwirte ohne Vorankündigung begutachtet.

"Im Vorjahr haben wir 9300 Proben gezogen", sagt Hengl, während er in der Küche nach Dingen sucht, die dort nicht hingehören: nach alten Fettrückständen, verdorbener Nahrung und Kakerlaken. "Wir haben 4000 Strafmandate ausgesprochen und letztlich fünf Lokale zugesperrt. Es ist nicht selten, dass ein Wirt bis zu 5000 Euro Strafe zahlen muss." Frau Lis Lächeln gefriert.

Alle zwei Jahre müssen sie und all die anderen Wiener Gastronomen mit einer Vollkontrolle rechnen - damit, dass Leute wie Hengl Töpfe, Fliesen, Elektrogeräte, Haltbarkeitsdaten und andere Dinge mehr überprüfen. "Haben Sie sicher keinen Hunger?", fragt die Chefin. Hengl schüttelt den Kopf.

Bestechung

Immer wieder, so erzählt er später, gebe es Versuche, Kontrolleure zu bestechen. "Das wird öfter versucht, als man glaubt." Erst kürzlich wollte ihm ein Wirt dezent ein kleines Kuvert zustecken. Hengl zerriss es noch an Ort und Stelle. "Wo finde ich den Behälter mit den Sieben, Frau Li?", fragt Hengl eine ratlose Restaurant-Chefin. Sie blickt sich bei ihren Küchengehilfen um, ehe der Jüngste eine Lade öffnet, in der Siebe unterschiedlichster Größe zum Vorschein kommen. "Alles geputzt", sagt Li. Sie ist bemüht, Hengl mit ihrem Lächeln bei Laune zu halten. "Wir tun alles für unsere Gäste. Sie sollen sich hier wohlfühlen." Eine halbe Stunde später, streift sich Hengl das Haarnetz vom Kopf. Er hat nichts gefunden, was zu beanstanden wäre. Frau Li atmet auf. "Mir fällt ein Stein vom Herzen", sagt sie. "Kommen Sie uns wieder besuchen!" Hengl nickt zum Abschied und murmelt: "Spätestens in zwei Jahren."

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011