© Kurier/Juerg Christandl

Prozess gegen Clique
02/15/2017

Teilbedingte Haftstrafen nach Prügelvideo

Kieferbruch für 15-Jährige mitgefilmt: "Demolier sie!"

von Ricardo Peyerl

"Demolier’ sie!" fordert ein Mädchen ihren Freund auf. Und: "Mach mich stolz, Schatz!" Jemand sagt: "Jetzt kriegst du, was du verdienst." Die Rädelsführerin gibt die Devise aus: "Jeder darf ein Mal hinschlagen."

Am Ende hat die 15-jährige Patricia einen doppelten Kieferbruch. Die sogenannten "Respektschellen", also die am 9. November 2016 im Donauzentrum von einer Clique verabreichte Abreibung, wird gefilmt, ins Netz gestellt und verbreitet sich dort laut Staatsanwältin "viral". Das Video wird drei Millionen Mal angeklickt.

"Leichtgewichte"

Am Mittwoch wurde es im Prozess gegen die drei Mädchen und zwei Burschen gezeigt. Und was sagten die Angeklagten bzw. ihre Verteidiger dazu? "Ich wollte das nicht so klären" (die 16-jährige Leonie). "Das sind lauter Leichtgewichte, was können die mit einem Faustschlag schon anrichten?" (der Anwalt des 21-jährigen Amirchan, der den Kieferbruch verursacht haben soll). "Mir kann man leicht was einreden" (der 16-jährige Abuu, der nach Hasspostings gegen Außenminister Sebastian Kurz kürzlich verhaftet wurde).

"Warum filmt und verbreitet man das? Seid ihr stolz auf die Aktion gewesen?", will Richterin Michaela Röggla-Weisz wissen. Leonie verneint. Das Motiv für die Prügel sei eine "freundschaftliche Geschichte" gewesen bzw. Strafe dafür, dass Patricia einer Muslima auf offener Straße ihr Kopftuch herunter gezogen haben soll.

Ihr "Aggressionspotenzial" sei von klein auf höher, aber ohnehin "nicht immer", sagt Leonie. Wie man das durchbrechen könne? "Mit einer Antigewalt-Therapie", aber derzeit ist laut Verteidigerin in Wien kein freier Therapieplatz zu finden. Das ist vor Gericht jetzt allerdings nicht relevant.

Im Koma gelegen

Auch bei Abuu ist die Aggressionsschwelle niedriger. Verteidiger Wolfgang Blaschitz macht dafür ein Erlebnis des Burschen mit sieben Jahren verantwortlich: Ein Auto überrollte Abuu drei Mal, der lag daraufhin im Koma, seither sei er ein "willfähriger Adressat" für Aufforderungen zur Gewalt. Abuu selbst sagt, seine Freundin habe ihn dazu gebracht, mitzumachen. Es sei eh die Polizei daneben gestanden und habe zugeschaut, sei aber weitergefahren. "Egal, weiter", sagt die Richterin. Egal ist das zwar nicht, aber Abuu will eh nicht mehr über das Prübelvideo sprechen: "Ich hör die Geschichte jeden Tag", jetzt sei er in Haft und habe es eingesehen.

Amirchan sagt, er habe die Faust genommen, weil er Patricia "weh tun" wollte. Aber verletzen habe er sie nicht wollen.

Das Opfer steckte alles ein, ohne sich zu wehren. Zu einer Passantin, die aufmerksam wurde, sagte Patricia: "Es passt eh alles." Als man sie aufforderte: "Mach den Mund auf und spuck!", öffnete sie den Mund und spuckte Blut auf den Boden. "Aber so, dass man es sieht", ruft jemand. "Uhh, sie blutet", jemand anderer. Und als man verlangt, sie – die Verprügelte – soll sich entschuldigen, macht sie sogar das (bevor sie ins Spital geht). Im Zeugenstand sagt sie, Flucht oder Gegenwehr wäre aussichtslos gewesen, und fordert 4000 Euro Schmerzensgeld.

Gleich tags darauf bekam ein anderes Mädchen eine Abreibung, wieder gab Leonie die Kommandos, wieder war Abuu dabei (und sagt hinterher, das Opfer habe ohnehin "nur" zwei Fußtritte ins Gesicht bekommen), wieder wurde gefilmt, und jemand forderte: "Kieferbruch!"

Die Urteile: 18 Monate teilbedingt, davon sechs Monate unbedingte Haft für Leonie und Abuu; zwei Jahre teilbedingt, davon acht Monate unbedingt für Amirchan. Zwei Mitangeklagte wurden auf Bewährung verurteilt. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

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