Chronik | Wien 06.12.2011

Stress-Tod eines Lipizzaners

Zufall oder zu viel im Einsatz? Ein Hengst starb nach Zahnbehandlung, 15 Pferde lahmten. Minister blockt Vorwürfe ab.

Ja, es stimmt. Wir mussten einen Junghengst euthanasieren lassen. Ein bedauerlicher Vorfall“, sagt die Pressesprecherin der Spanischen Hofreitschule. Allerdings sei das eben „die natürliche Selektion“.


Der Tod von Pluto Distinta könnte die Kritiker bestärken, vor allem den Freundeskreises der Spanischen Hofreitschule. „Heuer gingen bereits 15 Pferde durch Lahmheiten verloren und nun das“, sagt Josef Offenmüller, Vizepräsident des Freundeskreises.


Laut KURIER-Recherchen wurde das wertvolle Tier, das bereits Aufführungen in der Wiener Hofreitschule absolviert hatte, wegen eines gebrochenen Zahns Ende Oktober zur Pferdeklinik Pegasos gebracht. Einige Tage später bekam Pluto Distinta eine „stressbedingte Kolitis“, erklärt der behandelnde Tierarzt Georg Hladik. Dadurch werden Toxine im Blut ausgeschüttet und eine schmerzhafte Hufbeinrotation ist die Folge. Um dem fünfjährigen Pferd einen langen Leidensweg zu ersparen, wurde Pluto Distinta schließlich eingeschläfert. Ein ausgebildetes Pferd ist rund 100.000 Euro wert, der Schaden also auch rein finanziell gesehen hoch.


Dass dies mit dem immer wieder kritisierten Druck auf die Tiere zu tun hat, kommentiert Tierarzt Hladik folgendermaßen: „Der Stress war eher nicht davor, sondern durch die Operation. Ich sehe keinen Zusammenhang mit allfälligem Druck im Vorfeld“, meint er.
Es soll sieben Hengste aus diesem Jahrgang geben. Der Tod von Pluto Distinta sei damit – zumindest, was die Qualität der Auftritte angeht – verkraftbar, heißt es.

SPÖ-Anfrage

Dabei gab es zuletzt gute Nachrichten für Elisabeth Gürtler und die Hofreitschule. In einer parlamentarischen Anfragebeantwortung blockte Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich alle Vorwürfe des Freundeskreises ab. Diese seien nach sorgfältiger Prüfung nicht nachvollziehbar. Die Anzahl der Vorführungen sei nach Ansicht hochkarätiger Fachleute in keiner Weise dem Niveau der Vorstellungen abträglich . Zwei Oberbereiter seien ausreichend und für eine Übersiedlung in das Kulturressort gebe es keinerlei Bedarf.. Die Lahmheiten seien im normalen Bereich.


Offenmüller bleibt bei seiner Kritik: „Das sind leere Phrasen und es ist ein Abwimmeln. Wir haben zwei Briefe an den Minister geschrieben und keine Antwort bekommen. Kritik will er nicht hören.“ Die Hofreitschule wird damit wohl nicht so bald zur Ruhe kommen.

Seit zwei Jahren Wirbel um die Lipizzaner

Dass Hofreitschul-Chefin Elisabeth Gürtler frischen Wind in die Hofreitschule gebracht hat, darüber sind sich alle einig. Im Jahr 2009 begann Gürtler zu modernisieren und gleichzeitig aufzuräumen. Zwei der vier Oberbereiter mussten ihren Arbeitsplatz räumen, Stechuhren wurden eingeführt, die Zahl der Auftritte verdoppelt und nach einer Flaute zu Beginn sind mittlerweile auch die geplanten Tourneen im Ausland wieder in Schwung gekommen. Der Verlust von einer Million Euro bei der Hofreitschule wurde zumindest eingedämmt.
Seit 2009 formieren sich aber auch die Kritiker, die vor einigen Monaten den Freundeskreis der Spanischen Hofreitschule gründeten. Sie kritisieren, dass die Lipizzaner zu sehr unter Druck gesetzt werden und die Qualität massiv leidet. Videos von einer extrem verpatzen Aufführung sollten diese Vorwürfe untermauern. Auch die Zahl der Fohlen ist heuer so niedrig wie lange nicht mehr – 31 Jungtiere wurden geboren.
Der Freundeskreis will außerdem, dass die weißen Pferde dem Kultur- statt dem Landwirtschaftsministerium unterstehen.

( Dominik Schreiber ) Erstellt am 06.12.2011