Streit um den Prater-Reaktor

Gewappnet: Die Sicherheitsstandards würden laufend erhöht, selbst ein Flugzeugabsturz würde keine Verstrahlung der Stadt bedeuten, wird im TU-Atominstitut betont.
Foto: KURIER /Gruber Franz

Wie gefährlich ist der Kernreaktor im Prater? Gefährlicher als gedacht, behaupten die Grünen. Sie fordern die Schließung.

Die Prateridylle hat mehr als nur grüne Wiesen und blühende Schrebergärten zu bieten. Am Rande versteckt befindet sich ein Kernkraftwerk. Klingt komisch, ist aber so. Seit 49 Jahren steht ein kleiner Forschungsreaktor der Technischen Universität (siehe unten) unweit von Südosttangente und Riesenrad. Seit 49 Jahren werden hier unfallfrei Neutronen gewonnen. Studenten und Atom-U-Boot-Kapitäne der Royal Navy sammeln hier praktische Erfahrungen und sogar Waffeninspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde erarbeiten sich hier jene Expertise, die sie benötigen, um Kraftwerke in der ganzen Welt zu inspizieren.

Geht's nach den Wiener Grünen, soll all dies bald Geschichte sein. Die Partei versucht, im Windschatten der japanischen Atomkatastrophe das Aus des Betonturms durchzusetzen. "Die Anlage ist bei Weitem nicht so sicher, wie behauptet wird", lässt Rüdiger Maresch, der Umweltsprecher der Partei, aufhorchen. "Von 83 Brennstäben sind acht mit 70 Prozent spaltbarem Uran angereichert und hoch radioaktiv", sagt er und fügt drastische Worte hinzu: "Für Terroristen ein gefundenes Fressen."

Grüne Panikmache?

Gewappnet: Die Sicherheitsstandards würden laufend erhöht, selbst ein Flugzeugabsturz würde keine Verstrahlung der Stadt bedeuten, wird im TU-Atominstitut betont. Foto: KURIER /Gruber Franz Gewappnet: Die Sicherheitsstandards würden laufend erhöht, selbst ein Flugzeugabsturz würde keine Verstrahlung der Stadt bedeuten, wird im TU-Atominstitut betont.

Mario Villa bewahrt Ruhe. Der Wissenschafter lässt sich trotz der Sager nicht aus der Reserve locken. Er führt durch das Kraftwerk und legt dar, wieso Fukushima in Wien nicht möglich ist. "Die thermische Leistung des Reaktors entspricht jener eines Mittelklassewagens", sagt er. Das Kraftwerk in Temelin ist 12.000-mal leistungsstärker als der Prater-Reaktor. "Und würde ein Attentäter ein Flugzeug in die Halle steuern, müsste die Kleingartensiedlung wegen des Fliegers und nicht wegen radioaktiver Strahlung evakuiert werden." Und die Brennstäbe? "Die würden Terroristen nicht glücklich machen. Die haben Interesse an neuem, nicht verstrahltem Material."

Wollen die Grünen also ein halbes Jahr nachdem ein Tsunami Japan unter Wassermassen begrub und ein Kraftwerk schwer beschädigte, politisches Kleingeld wechseln und mit ihrer Anti-Atom-Agenda punkten? Experten fürchten sich jedenfalls weit weniger vor Terroristen oder den 3,5 Kilogramm Uran, die hier lagern, als davor, dass die Bundesregierung es verabsäumt, rechtzeitig mit jenem Land über eine Rückführung der radioaktiven Brennstäbe zu verhandeln, aus dem das Material 1962 geliefert wurde: mit den USA. Denn ganz gleich, ob Panne, Terror oder normaler Betrieb - früher oder später muss der Müll endgelagert werden. "Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Gemeinde in Österreich findet, die das Zeug gerne bei sich bunkert", sagt Maresch.

Noch bis 2019 können die Brennstäbe den Amerikanern zurückgegeben werden. Bereits 2016 muss der Reaktor gemäß Vertrag abgeschaltet werden. "Das zuständige Wissenschaftsministerium muss endlich Verhandlungen mit den USA aufnehmen und erste Vorkehrungen treffen", fordert der Politiker. "Sonst droht uns eine teure Entsorgung auf eigene Kosten."

Verhandlungen mit USA

Gewappnet: Die Sicherheitsstandards würden laufend erhöht, selbst ein Flugzeugabsturz würde keine Verstrahlung der Stadt bedeuten, wird im TU-Atominstitut betont. Foto: KURIER /Gruber Franz Gewappnet: Die Sicherheitsstandards würden laufend erhöht, selbst ein Flugzeugabsturz würde keine Verstrahlung der Stadt bedeuten, wird im TU-Atominstitut betont.

Aus dem Büro von Minister Karlheinz Töchterle (ÖVP) heißt es: "Es finden laufend Gespräche mit dem zuständigen US-Ministerium statt." Doch die Verhandlungen nehmen wohl nicht jenen Verlauf, den sich die Grünen wünschen. Eine Fortführung des Reaktors über 2016 hinaus wird angestrebt. Einen Beschluss im Nationalrat braucht es nicht. Für den Fall, dass die Amerikaner zustimmen, wird bald ein Lkw im Prater vorfahren, neue Brennstäbe anliefern und das verstrahlte Material wegbringen. Endstation wäre Idaho.

Villa steht jetzt oben am Reaktor und blickt hinab auf die im Wasser schwimmenden Brennstäbe. Selbstverständlich, sagt er, müssten im Falle einer Vertragsverlängerung die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden. Sind sie nicht scharf genug? "Doch. Aber die Auflagen werden immer mehr."

Fakten: Was es bringt, wer dahintersteckt

Globale Sicherheit Der Wiener Forschungsreaktor wird seit mehr als 40 Jahren von der Technischen Universität (TU) Wien betrieben. Die Forscher kooperieren mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), der CTBTO (Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen) sowie mit zahlreichen Ländern wie etwa auch Großbritannien. Im Zweijahresrhythmus werden Waffeninspektoren der UNO am Standort ausgebildet. Hier in der Stadionallee gelang es Forscher auch erstmals, einen Kernwaffentest Nordkoreas wissenschaftlich nachzuweisen.

Vertragsdetails Sollten die Amerikaner den Vertrag mit Österreich nicht verlängern wollen, ist im Mai 2016 Schluss mit dem Reaktor, eine letzte Rückführung des verstrahlten Materials wäre 2019 fällig. In einem solchen Fall würde die Nuclear Assurance Company (NAC) das heikle Material in Wien auf einen Lkw verladen, nach Slowenien bringen und von dort nach Savannah River in den USA verschiffen. Das Endlager für den Atommüll befindet sich in Idaho. Vergleichbare Forschungsreaktoren stehen in Mainz, München, Helsinki, Istanbul und in Rom. Weltweit sind es knapp 40 Forschungsreaktoren.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?