Chronik | Wien 05.12.2011

Städtetourismus kennt keine Krise

Der Städtetourismus boomt in Österreich, vor allem aber in Wien. Unterwegs mit japanischen Besuchern. Bitte lächeln!

Ohaoyou Gozaimasu", spricht Kaoru Kurita ins Mikrofon und 15 Japaner, die ebenfalls in dem etwas zu groß geratenen Reisebus Platz genommen haben, tun es ihm gleich und wünschen im Chor einen Guten Morgen: "Ohaoyou Gozaimasu!"

Es ist Donnerstagfrüh, kurz vor neun Uhr nebst der Wiener Staatsoper. Einmal mehr führt Kurita seine japanischen Landsleute durch das imperiale Wien. So wie er es bereits seit mehr als 20 Jahren macht. "Zurzeit leite ich bis zu zwei Touren täglich", erzählt der 61-Jährige Fremdenführer von Net Travel Service - einer Agentur, die jährlich 22.000 Japaner nach Österreich und etwas weniger Österreicher nach Japan bringt. Während der Bus auf der linken Wienzeile Richtung Schloss Schönbrunn brettert, erzählt Kurita, welche Touren er in seinem Repertoire hat: "Heute Schönbrunn, morgen Wachau und übermorgen Wienerwald", sagt er. "Immer Abwechslung." Fad werde ihm nie.

Und sie kommen doch Knapp 128.000 Japaner kommen Jahr für Jahr nach Wien. Allein heuer gehen bereits 133.000 Nächtigungen auf ihr Konto. Selbst die Nuklearkatastrophe von Fukushima im März hat den Andrang auf die Donaumetropole kaum gebremst. "Als das Unglück geschah, war ich in meiner Heimatstadt 600 Kilometer von Fukushima entfernt. Das Beben brachte auch mein Haus ins Wanken", erinnert sich Kurita. "Damals dachte ich: Heuer werden keine Japaner nach Wien kommen. Aber sie kommen doch." Und nicht zu knapp. Woran das liegt, weiß der 61-Jährige nicht. "Vielleicht daran, dass sich die Lage wieder beruhigt."

Und so sind die Japaner noch immer Teil jenes touristischen Flusses, der der Stadt jährlich elf Millionen Nächtigungen beschert und 3,6 Milliarden Euro in die Kassen der Wiener Wirtschaft spült.

Und was für Wien gilt, ist in abgeschwächter Form auch für die anderen Landeshauptstädte Österreichs gültig. Nur die weltweite Wirtschaftskrise ließ die Zahlen kurzzeitig einknicken, sagt Ulrike Rauch Keschmann von der Österreich-Werbung.

Sissi und ein toter Herzog

Japaner in Wien: Knapp 128.000 kommen jährlich nach Wien. Die Nase haben jedoch die deutschen Besucher vorne: 2,3 Millionen Nächtigungen gingen 2010 auf ihr Konto.
© Bild: KURIER/Gnedt

Der Bus mitsamt der Reisegruppe hat mittlerweile im Schloss Schönbrunn haltgemacht. Chinesen, Holländer und Deutsche sind auch schon da. Kurito führt auf Japanisch Schmäh und ein korpulenter Amerikaner schiebt sich rempelnd mit Audioguide am Ohr an der Reisegruppe vorbei. "Sorry!"

Es geht weiter durch den blau-chinesischen Raum, vorbei am Sterbebett des Herzogs von Reichstatt und ins sogenannte Millionenzimmer mit den zahlreichen indopersischen Genreszenen an der Wand. Dort, wo es erlaubt ist, werden Fotoapparate gezückt und dort, wo nicht, macht sich manch ein Japaner eifrig Notizen - Fußnoten zur einst so stolzen Donaumonarchie.

"Überall Geschichte", stellt Tourist Fumio Usuzaka ehrfürchtig fest. "Die Japaner mögen Geschichte", sagt Kurita als der Bus zwei Stunden später wieder Richtung Ring rollt. "Deshalb ist Wien auch so beliebt." Schnell werden durch die getönte Autoscheibe hindurch die letzten Fotos von Oper, Burgtheater und Rathaus gemacht.

Als Kurito seine 15 Gäste zum Abschluss gezählte elf Mal vor der Mozartstatue im Burggarten fotografieren muss, wird er wehmütig. Ob er Wien nicht manchmal hinter sich lassen und gemeinsam mit seinen japanischen Gästen den nächsten Flieger in seine alte Heimat besteigen möchte? Kurito überlegt lange. "In der Pension vielleicht", sagt er und fügt entschuldigend hinzu: "Österreich ist sehr schön. Es liegt nur leider nicht am Meer."

Nachgefragt: Was gefällt Japanern an der Donaumetropole?

Japaner in Wien: Knapp 128.000 kommen jährlich nach Wien. Die Nase haben jedoch die deutschen Besucher vorne: 2,3 Millionen Nächtigungen gingen 2010 auf ihr Konto.
© Bild: KURIER/Gnedt

Usuzaka Fumio: Ich lebe seit einem Jahr in Newcastle in England und bin jetzt zum ersten Mal hier. In Europa kann man die Geschichte hautnah erleben. Wenn ich in die Zukunft blicken will, fahre ich nach Istanbul oder China. Scherz beiseite: Wien ist wunderbar.

Ojoko Takeshi: Es wundert mich, dass noch immer so viele Japaner verreisen. Immerhin hat sich die Lage nach Fukushima noch nicht völlig beruhigt. Ich verstehe aber, dass viele nach Wien kommen. Es ist schön hier. Ihr habt zwar kein Meer, dafür aber die Donau.

Kazuya Kobayashi: In Europa war ich schon oft, in Wien bin ich aber zum ersten Mal. Es ist so anders als in Japan - unsere Heimat muss sich jetzt noch vom Schock nach Fukushima erholen. Hier in Wien lässt es sich gut auf den Spuren der Habsburger wandeln.

Yukari Kobayashi: Ich bin zum ersten Mal in Wien und möchte irgendwann wiederkommen. Ich spiele Geige und daher ist Wien für mich natürlich auch in musikalischer Hinsicht ideal. Ein Ort, an dem auch Mozart schon war. Aber auch shoppen kann man hier sehr gut.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011