Chronik | Wien
02.07.2014

Stadthallenbad: Neugierige zieht es in die Halle

Nach vier Jahren Sperre kommen Hobbysportler ins sanierte Schwimmbad.

Die Startblocks sind geputzt, die Sonnenstühle auf der Terrasse stehen bereit und ein wenig riecht es in der Halle noch nach frischer Farbe, als Sara Saric Dienstagmittag wieder ihre Längen in dem 50-Meter-Becken zieht.

Bei Sonnenschein und Temperaturen über 20 Grad zieht es normalerweise kaum Mensch ins Hallenbad: Einige Neugierige haben es sich dennoch nicht nehmen lassen, am Dienstag das Stadthallenbad zu besuchen – das nach vierjähriger Sanierungszeit nun endlich wieder vollständig benutzt werden kann.

"Als ich hörte, dass das Bad wieder aufsperrt, musste ich mir das natürlich sofort ansehen", erzählt die Schülerin, die nur ein paar Minuten entfernt wohnt und vor der Generalsanierung das Bad mehrmals wöchentlich aufsuchte.

Ausweichbecken

Für die leidenschaftliche Volleyballspielerin Saric ist Schwimmen optimales Training, für das sie in den vergangenen Jahren jedoch weite Wege auf sich nehmen musste. Meistens in den 10. Bezirk, zur Therme Oberlaa. Anfangs, als sie noch dachte, dass ihr "Stammbad" in einem Jahr wieder öffnet, war sie auch ins näher gelegene Ottakringer Bad gegangen. Aber das war ihr auf die Dauer zu überfüllt gewesen.

Volle Schwimmbäder mit kurzen Becken – so lautet auch die Kritik der anderen Badbesucher, die in den vergangenen Jahren mit Ausweichquartieren vorlieb nehmen mussten. Kellner Stefan G. etwa schlüpfte sogar in den Neoprenanzug und wählte die Neue Donau, weil ihn sonst keine Bäder reizten. So oft wie früher war der 38-Jährige allerdings nicht schwimmen. "Ich bin komplett aus der Übung", gesteht der Kellner – deshalb werde er heute auch nur 1000 Meter in Angriff nehmen. Künftig soll es aber wieder täglich einen Besuch im Bad geben. Die Jahreskarte um 220 € hat sich Stefan G. jedenfalls schon wieder gekauft. Erstes Fazit: "Es sieht eigentlich aus wie immer. Ich bin froh, dass ich wieder hier bin."

Turmspringer

So sehen das wohl auch die Turmspringer, die Dienstagmorgen bereits ihre erste offizielle Trainingseinheit im Hauptbecken absolvierten. Und auch Bademeister Elvir Rizvic freut sich über die Rückkehr in "sein" Bad, nachdem er die letzten Jahre im Stadionbad oder der Dusika-Sporthalle ausgeholfen hatte. Viele bekannte Gesichter hat Rizvic noch nicht gesehen, aber das sei wohl nur eine Frage der Zeit. Am meisten freut sich Rizvic allerdings darauf, selbst wieder ins Wasser zu springen.

Den Besuchern sagt das neue Bad jedenfalls großteils zu – vor allem der neu gestaltete Garderobenbereich erntet viel Lob. Einziger Kritikpunkt eines Jahreskartenbesitzers: die Garderobenkästchen funktionieren nun mit Jetons anstatt der Münzen und so muss er den Schlüssel abends immer abgeben. Schon aus Hygienegründen ist aber ein Behalten der Kästchen nicht erlaubt.

Und auch Schwimmerin Ruth Pataki äußert eine Sorge: "So schön ruhig, wie heute, wird es hier wohl kaum bleiben."

Wiener Stadthallenbad endlich wieder offen

Soft Opening", nennen es die Betreiber elegant: Ohne der sonst üblichen Feiern mit Politikern und Prominenten fand Montagnachmittag die Eröffnung des Stadthallenbades statt. Damit steht es jetzt auch wieder den Hobbyschwimmern zur Verfügung. Sportler dürfen hier schon seit ein paar Monaten trainieren.

Die Zurückhaltung hat ihren Grund: Die Wiedereröffnung hat sich um fast drei Jahre verzögert, nachdem im Zuge der Renovierung massive Mängel zutage getreten waren. Letztlich entwickelte sich die Causa zu einem der größten Wiener Bauskandale der vergangenen Jahre (siehe rechts). "Interne und externe Sachverständige haben rund 300 Planungsmängel festgestellt", sagt Sandra Hofmann, Geschäftsführerin der Wiener Sportstätten Betriebsgesellschaft. Neben dem undichten Becken sorgte unter anderem die Bäderhygiene für massive Probleme.

"Das war ein Fehler des Generalplaners", betont Hofmann. Derzeit beschäftigt der Fall die Gerichte. Der Planer hatte seine Honorarforderungen eingeklagt, die Betriebsgesellschaft antwortete mit einer Gegenklage. In Kombination mit einer Feststellungsklage geht es dabei im Extremfall um eine Summe von 17 Millionen Euro. Die Verfahren könnten sich noch über Jahre ziehen.

Doch was erwartet die Schwimmer, die sich so lange gedulden mussten? Ab sofort betreten sie das Bad nicht mehr über den Vogelweidplatz, sondern über die Hütteldorfer Straße. Den alten Eingang nutzen nur noch die Profi-Schwimmer, er führt direkt zum Trainingsbecken.

Neue Sauna

Insgesamt fasst das neue Stadthallenbad 999 Menschen. Neben dem nun endgültig dichten 50-Meter-Hauptbecken können sich Schwimmer auch über einen neu gestalteten Sauna- und Wellnessbereich mit u. a. Kräuterkammer, Bio-Sauna und Salzsauna freuen.

In der Zwischenzeit ist der Eintritt etwas teurer geworden: Drei Euro zahlen Kinder und Jugendliche, sechs Euro kostet ein Badetag für Erwachsene. Als Entschädigung für die lange Sperre werden im Monat Juli Bonuskarten vergünstigt angeboten.

Um auf Nummer sicher zu gehen, läuft in den kommenden zwei Monaten ein Monitoring des technischen Betriebs. Dabei werden unter anderem die Wasserwerte und die Luftqualität genau unter die Lupe genommen. Es sollte jetzt aber zu keinen unliebsamen Überraschungen kommen, hofft man beim Betreiber.

"Generalsanierung abgeschlossen" - mit diesen quasi epochalen Worten wurde am Montag mitgeteilt, dass das Wiener Stadthallenbad ab sofort wieder geöffnet ist. Ursprünglich sollte das Wiener Stadthallenbad im Herbst 2011 wieder aufsperren. Die Generalsanierung geriet nicht zuletzt wegen undichter Becken zum veritablen Debakel und hat mittlerweile ein gerichtliches Nachspiel. Eine Chronologie:

Mai 2010: Die Arbeiten für die Generalsanierung des 1974 von Roland Rainer erbauten und denkmalgeschützten Stadthallenbads beginnen. Der Komplex soll technisch auf Vordermann gebracht, der Garderoben- und Wellnessbereich erneuert und der Haupteingang verlegt werden. 17 Mio. Euro sind budgetiert. Der Abschluss ist für Herbst 2011 geplant.

Dezember 2011: Sportstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) kündigt die Wiedereröffnung des Bades für Februar 2012 an. Architekt und Generalplaner Georg Driendl begründet die Verzögerung mit massiven Schäden an den Stahlbetondecken des Gebäudes - eine Folge der jahrzehntelang undichten Wasserbecken, wie er erklärt.

Jänner 2012: Völlig überraschend veranlassen Sportamt, Wien-Holding und Stadthalle wenige Tage vor dem geplanten Eröffnungstermin einen sofortigen Baustopp und leiten eine gerichtliche Beweissicherung ein, um etwaige Fehler des Generalplaners bzw. der ausführenden Firmen zu erheben. Erstmals wird von massiven Schwierigkeiten im Zuge der Sanierung berichtet. Unter anderem gibt es undichte Stellen in den Becken und technische Gebrechen des Hubbodens. Der Eröffnungstermin im Februar ist damit gestorben. Generalplaner Driendl verteidigt sich insofern, als die aufgetretenen Probleme nicht in seinen Aufgabenbereich fielen und daher für ihn nicht vorhersehbar gewesen seien.

Februar 2012: Parallel zur laufenden Prüfung wird der Baustopp zumindest teilweise aufgehoben. In einzelnen Bereichen wird wieder gearbeitet.

Mai 2012: Abgesehen von den undichten Becken treten weitere Baumängel auf. Auch frisch verlegte Fliesen fallen von den Wänden. Hier wird ebenfalls eine Beweissicherung eingeleitet.

September 2012: Eine erste Probebefüllung der Bassins wird durchgeführt. Sie soll Aufschluss in Sachen Dichtheit und Tragfähigkeit geben.

Oktober 2012: Das Kontrollamt zerpflückt den Sanierungsablauf. Im Prüfbericht werden u.a. "grundsätzliche Fehler" bei der Projektvorbereitung (Verzicht auf eingehende Zustandserfassung und -beurteilung) und beim Projektmanagement (unklar definierter Sanierungsumfang) angeführt. Die Oppositionsparteien ÖVP und FPÖ sehen den "Bauskandal" nun amtlich bestätigt.

Dezember 2012: Das Sanierungsdebakel beschert Sportstadtrat Oxonisch (SPÖ) einen Misstrauensantrag der Rathaus-Opposition. Dieser wird von der rot-grünen Mehrheit im Gemeinderat jedoch abgeschmettert.

Jänner 2013: Die Stadthalle gibt bekannt, dass die Beweissicherung in der Endphase sei und bereits "eine Vielzahl von Mängeln in der Planung und Ausführung der damit beauftragten Firmen" festgestellt worden seien. Außerdem hat man sich inzwischen von Generalplaner Driendl getrennt. Als Zieltermin für den Sanierungsabschluss wird nun Ende 2013 genannt.

Juni 2013: Das Sanierungsdebakel hat auch strukturelle Folgen. Das Stadthallenbad wird organisatorisch aus der Stadthalle herausgelöst und nun als eigene Kapitalgesellschaft geführt, die zu 100 Prozent der Wien-Holding gehört. Die bisherige kaufmännische Stadthallen-Geschäftsführerin Sandra Hofmann wird Chefin der neu gegründeten GmbH.

September 2013: Das Stadthallenbad wird teilweise wieder eröffnet. Dank erfolgreicher Dichtheitsprüfung kann ab Ende September im Trainingsbecken wieder geschwommen werden. Für herkömmliche Badegäste bleibt die Anlage weiter geschlossen. Eine mehrwöchige Probebefüllung des Hauptbeckens wird in Aussicht gestellt. Selbst wenn alles glatt läuft, könne das Bad frühestens im Sommer 2014 wieder in Vollbetrieb gehen, heißt es.

Dezember 2013: Die Causa wird endgültig zum Fall für das Gericht. Die Stadthalle klagt Driendl auf 5,6 Mio. Euro wegen Planungsfehler und nicht erbrachter Leistungen. Dieser hat zuvor seinerseits 800.000 Euro an ausstehenden Honoraren von der Stadthalle gefordert. Der Ex-Generalplaner verteidigt sich und sieht die entstandene Misere nicht in seinem Verantwortungsbereich.

13. Jänner 2014: Die Wien-Holding gibt bekannt, dass nun sämtliche Becken - also auch das große Hauptbecken - dicht sind. In den nächsten Wochen sind noch Arbeiten in Sachen Bäderhygiene notwendig, die bis März dauern werden. Danach müssen noch Mängel im Bereich der Bodenverfliesungen behoben werden.

26. Februar 2014: Es wird ein Termin für die Eröffnung genannt. Diese sei im Sommer geplant, heißt es. Die Bäderhygiene funktioniert laut Wien-Holding inzwischen "einwandfrei"

30. Juni 2014: Es ist so weit. Die Generalsanierung des Wiener Stadthallenbads ist großteils abgeschlossen. Der Betrieb wird in vollem Umfang wieder aufgenommen.