Chronik | Wien
05.07.2015

Das Land der jugendlichen Raucher

Experten fordern erschwerten Zugang zu Zigaretten für die Jugend.

Schauplatz Wurstelprater, Donnerstagvormittag: Dutzende Wiener Schulen verbringen den Tag vor der Zeugnisverteilung im Vergnügungspark. Hunderte Kinder und Jugendliche haben jede Menge Spaß und freuen sich, bei Kaiserwetter auf die Sommerferien. Und die Zigarette ist allgegenwärtig.

Rund um einen Watschenmann-Automaten stehen acht junge Leute, keiner ist älter als 16 Jahre. Burschen wie Mädchen ziehen am Glimmstängel: „Wir rauchen alle. Einige schon seit zwei Jahren.“ Was sagen eigentlich Lehrer und Eltern dazu? Özkan lächelt: „Unseren Eltern ist das völlig egal. Die rauchen ja selber. Und die Lehrer sagen ohnehin nichts. Die wollen ihre Ruhe haben.“ Auffällig, dass auch fast alle Mädchen am Tschik ziehen. „Das gehört einfach dazu. Und wenn wir Stress haben, hilft uns das Rauchen sogar. Wir schauen doch eh alle aus als wären wir älter als 16“, argumentiert Manuela. Schließlich wird das KURIER-Team auch noch um Zigaretten angeschnorrt.

Negativer Weltrekord

Österreich ist das Land der jungen Raucher. Von den 700.000 Kindern und Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren rauchen laut Familienministerium 112.000 regelmäßig. „ Österreich hat damit neben Grönland die weltweit meisten Jugendlichen, die zur Zigarette greifen. Zudem rauchen bei uns mehr 15-Jährige als in jedem anderen europäischen Land“, kritisiert Manfred Neuberger, Präventivmediziner und Leiter des Instituts für Umwelthygiene an der Uni-Wien. Verantwortlich dafür macht Neuberger unter anderem die Aufklärungspolitik der Bundesregierung. Der Mediziner und Nikotin-Gegner ist morgen, Montag, auch Podiums-Gast bei der KURIER/ORF-Diskussion zum Thema „Rauchfreie Lokale – Fluch oder Segen“.

Eine aktuelle OECD-Studie besagt, dass jeder vierte männliche Jugendliche und jedes dritte Mädchen unter 16 zumindest einmal pro Woche raucht. Damit liegt Österreich auch in dieser Statistik an der Spitze aller europäischen Nationen; gefolgt von den Nachbarn Tschechien und Ungarn.
Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) hat deshalb vorgeschlagen, die Altersgrenze beim Kauf von Zigaretten von 16 auf 18 Jahre anzuheben. Auch in diesem Punkt geht Neuberger mit dem Gesetzgeber hart ins Gericht: „In der EU haben alle Länder mit Ausnahme von Österreich, Belgien und Luxemburg das Alterslimit bereits auf 18 Jahre angehoben.“ Nachsatz: „Nötig wären im Fall des höheren Alters-Niveaus allerdings auch entsprechende Kontrollen.

Ausweispflicht

Scharfe Kontrollen müssten ebenso bei Trafikanten gelten – in diese Richtung argumentiert sogar die Branche. Der neue Wirtschaftskammer-Obmann des Gewerbes Josef Prirschl geht im KURIER-Telefonat in die Offensive: „Unbestritten, hier müssen wir mehr tun. Das Thema Jugendschutz gehört forciert.“ Seit Mai werden bundesweit 2000 Trafikanten unter anderem zu diesem Thema geschult. Und der Kammerfunktionär macht sich für eine rigorose Vorgehensweise stark: „Sollten sich Kollegen beim Alter der jugendlichen Kunden nicht sicher sein, dann sollte eine Ausweispflicht bindend sein.“

Massive Kritik übt Mediziner Neuberger auch an den angeblich „kindersicheren“ Zigarettenautomaten. Testkäufe zeigten, dass sogar mit abgelaufenen Bankomat-Karten (etwa von den Eltern oder älteren Geschwistern) Tschik-Packerl ausgeworfen wurden. Einziger Unterschied war, dass der Preis bar bezahlt werden musste. Auch so kommen Kids zu verbotenen Tabakwaren.

Nikotingegner erkennen am neuen Tabakgesetz (es wird kommende Woche im Parlament beschlossen) auch positive Überraschungen: In der Gastronomie werden ab 2018 auch E-Zigaretten verboten. Denn die mit dem Dunst eingeatmeten Partikel ähneln jenen von Zigaretten und schädigen ebenfalls die Lunge.