Chronik | Wien 16.12.2011

Sozialer Buchhandel: „Lesen und Lächeln“

© Bild: KURIER/Christandl

Die neue Geschäftsidee mit Herz und Hirn: Bei „Buchbesuch“ bringen behinderte Menschen die Ware ins Haus.

Hallo, ich bin von Jugend am Werk und hab ein Buch für Herrn Burger.“ Andreas Böck arbeitet normalerweise im Lager des Vereins, der sich um die Förderung behinderter Menschen bemüht. Belletristik, Romane, Krimis, aktuelle Sachbücher – „ich hab schon alles eingepackt, mir macht das großen Spaß“, sagt Böck. Heute muss er aber als Zusteller einspringen, weil seine Kollegen Leopold Kornfell und Helga Nevrevy in anderen Stadtteilen im Einsatz sind. Zwischen dem Eingang der Bestellung bei Jugend am Werk und dem „Hallo“ in Wien-Neubau sind gerade einmal 1 Stunde und 17 Minuten verstrichen.

Ein Buch online zu bestellen ist ja an und für sich nicht die neueste Geschäftsidee. Aber: Ein Buch online zu bestellen, es schön verpacken zu lassen, samt einer Etikette mit persönlicher Widmung – ist ein bisschen mehr. Und das alles binnen 24 Stunden von freundlichen Menschen, die sich um diesen Job gerissen haben, bis an die Haustür geliefert zu bekommen, ist etwas ganz Besonders.

Schnell und sinnvoll

Die Besucher: Buchboten Leopold Kornfell (re.) und Helga Nevrevy kommen gerne „unter d’Leit“
© Bild: KURIER/Christandl

Die Stars bei www.buchbesuch.at sind nicht die Bestsellerautoren, sondern die Zusteller. Menschen mit Behinderung und großem Ehrgeiz. Wie im Fall von Leopold Kornfell: „Ich bin sehr gerne draußen unterwegs.“ Der Mann ist zwar – noch – kein wandelndes Navi, aber er hat einen Mund, und er weiß sich zu helfen: „Mein Vater hat mir immer gesagt, wenn du den Weg nicht weißt, dann frag. Daran hab ich mich bis heute gehalten, und ich bin schon 50.“

Dr. Susanne Pusarnig ist Vielleserin. Sie empfängt die Buchbesucher meist in ihrer Ordination: „Für mich ist es schwer, rechtzeitig auf die Post zu kommen und die Bücher abzuholen. Ich hasse nichts mehr, als um 21 Uhr an der geschlossenen Post vorbeizufahren, und zu wissen, dort liegt mein Buch und ich kann vor dem Schlafengehen nicht mehr lesen“, sagt die Allgemeinmedizinerin.

Für Paul Lukan, Jugend-am-Werk-Leiter der Werkstätte in Wien 3, wo die Bücher gelagert werden und die Logistik organisiert wird, ist der wichtigste Aspekt, dass seine Klienten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und damit sichtbar sind. „Unsere Leute sind zwar gut integriert, sie gehen in unseren Werkstätten einer geregelten Beschäftigung nach und arbeiten auch im Verkauf – aber trotzdem leben sie wie in einer Blase, weil man sie auf der Straße nicht sieht. “

An der Tür, wo man normalerweise ungern Geschäfte macht, sind die „Buchbesucher“ gern gesehene Gäste. Erklärung: Einem Leopold Kornfell oder einer Helga Nevrevy würde es nie im Leben einfallen zu fragen: „Darf es noch was sein?“ Von den beiden bekommt man als Kunde dafür ehrlich gemeinte Glückwünsche: „Ich wünsche ihnen ein schönes Lesen und ein gutes Lächeln dabei. Und weiterhin viel Erfolg im Leben.“

Und das ist es auch, was sich Wilfried Oschischnig dabei gedacht hat, als er Jugend am Werk eine Zusammenarbeit im Buch-Business angeboten hat: „Mir waren die durchsystematisierten Firmen mit ihren aalglatten Mitarbeitern zuwider, ich wollte wieder mit echten Menschen arbeiten.“

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Transparent und aktuell

Beim KURIER-Besuch bei Jugend am Werk ist im Lager gerade nicht sooooooo wahnsinnig viel los. Aber wurscht. Wenn einmal kein neuer Online-Auftrag reinkommt, dann widmet sich Verkaufsprofi Andreas Böck seinem aktuellen Kunden umso intensiver. Der Käufer bekommt via eMail stets den aktuellen Status seines Geschenks mitgeteilt. Zum Beispiel: „Jetzt pack’ ich gerade ihr Geschenkbuch ein.“ Oder: „Jetzt kommt die Schleife aufs Packerl“.

Im erlesenen Webshop von Buchbesuch finden sich vor allem Neuerscheinungen sowie eine Sachbuchempfehlung des Monats und ein Lesetipp aus einem kleinen Independent-Verlag.

Buchmensch Oschischnig, ein Fan des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq: „Selbst wenn ich mit Buchbesuch den Break-even nie schaffen sollte, kann ich immer noch sagen: Es war mein allerschönster Fehler.“

Besuchsprogramm: Montag bis Freitag

Jugend und Senioren Bei Zustellern um die 50, die sich mit „Ich komme von Jugend am Werk“ vorstellen, drängt sich die Frage nach dem Ursprung des Namens auf. Die Erklärung: Der Verein begann 1945 als Ausbildungsstätte für Jugendliche, die keinen Lehrplatz fanden. Erst später kam die Begleitung von Menschen mit Behinderung (18–84 Jahre) hinzu. Aktuell sind 3 Klienten mit Behinderung für „Buchbesuche“ abgestellt.

Schnell und sinnvoll „Derzeit freuen wir uns über jede Bestellung.“ 50 Kunden hat Buchbesuch derzeit in Wien. Der Expressbotendienst, der 4,80 € extra kostet, steht täglich von 8 bis 18 Uhr (Montag–Freitag, außer Feiertage) zur Verfügung. Jede Bestellung, die vor 15.30 Uhr einlangt, wird noch am selben Tag bearbeitet. Durch die Kooperation mit dem Buchgroßhändler KNV ist eine Zustellung binnen 24 Stunden gewährleistet.

 

Erstellt am 16.12.2011