Chronik | Wien
12/11/2016

"So viel Geld können mir die gar nicht zahlen"

Sportbegeisterte Wienerin hat seit missglückter Geburt einen künstlichen Darmausgang.

Während des 14-stündigen Geburtsvorganges bat Ulrike K. mehrmals um einen Kaiserschnitt. Vergebens. Dafür bekam sie nach der Geburt einen künstlichen Darmausgang. Den hat sie nun seit einem Jahr, das wird sich so schnell nicht ändern. Und was sagt man im Krankenhaus dazu? "Schicksalhaft."

Sitzbäder

Vorher war die 29-jährige Laborassistentin "sehr bewegungsfreudig", wie sie dem KURIER erzählt: Hürdenlauf, Klettern, X-Cross. Tanzen war ihre große Leidenschaft, für Zumba (Kombination aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen) hatte sie sich als Trainerin ausbilden lassen. Jetzt wagt sie sich kaum noch in Gesellschaft, hat die fünfte Operation hinter sich, muss drei Mal am Tag Sitzbäder machen, kann mit ihrem kleinen Sohn nicht einmal zum Baby-Schwimmen gehen, "der Weg zum Spielplatz ist schon mein Highlight, dabei bin ich nicht einmal noch 30."

Nach einem ATV-Bericht über Geburten im Göttlichen Heiland hatte sich Ulrike K. für dieses Wiener Krankenhaus entschieden. "Ich habe mich beeinflussen lassen", sagt sie: "Man sah in dem Bericht, wie sie sich für den Patienten Zeit nehmen, so ruhig und gelassen und einfühlsam, das wollte ich auch."

Am 7. Juni 2015 kam sie mit starken Wehen auf die Station, aber die Wehen wurden schwächer. Stunden vergingen, Ulrike K. hatte "ein ungutes Gefühl" und ersuchte um einen Kaiserschnitt. Auch ihr Lebensgefährte bat darum. Der Arzt lehnte ab. Solange es dem Baby gut gehe, werde kein Kaiserschnitt gemacht, hieß es. Später sollte sich herausstellen: Dem Baby ging es gar nicht so gut.

Der Arzt holte stattdessen eine Saugglocke, sagte: "Ich muss Sie ein bisschen schneiden." Ulrike K. merkte, dass man es plötzlich sehr eilig mit der Geburt hatte. Offenbar führte der Arzt einen Dammschnitt durch. Dann war der kleine Eric da, wurde ihr aber gleich wieder weggenommen, der Arzt sagte: "Das muss ein bissl genäht werden" und: "Tut mir leid, das ist nicht anders gegangen" und: "Alles Gute".

Am zweiten Tag nach der Geburt wurde Eric wegen einer Infektion ins Wilhelminenspital transferiert. Ulrike K. erinnert sich an "eine wildfremde Frau, die zu mir sagte: ‚In einer Woche haben Sie ein pumperlgsundes Kind zurück.‘"

Am nächsten Tag fuhr die junge Mutter ihrem Sohn mit dem Taxi hinterher und blieb zwei Wochen bei ihm im Wilhelminenspital.

Dann ging es aber erst richtig los. Sechs Wochen nach der Geburt "habe ich mich angemacht". Bei dem (zu tiefen?) Dammschnitt war offenbar der Schließmuskel durchtrennt worden, es hatte sich eine Fistel (Öffnung) zwischen Darm und Vagina gebildet, im Kaiser-Franz-Josef-Spital wurde die erste Nachoperation durchgeführt. Sie brachte nicht das gewünschte Ergebnis, eine Infektion kam dazu, man musste der 29-Jährigen einen künstlichen Darmausgang legen, drei weitere Operationen folgten.

Nicht attraktiv

Ulrike K. sollte nach der Karenz ab Februar 2017 wieder arbeiten, daraus wird nichts. "Mein größtes Leid ist, dass ich nicht mehr tanzen kann." Der weitere Kinderwunsch ist nun passé. "Und vor meinem Partner bin ich mit Windel und künstlichem Darmausgang auch nicht attraktiv", wenngleich sich der Lebensgefährte rührend um Frau und Kind kümmert. Vor allem aber: Ulrike K. konnte sich in den ersten Wochen nicht um ihren Sohn kümmern. "Die wichtigste Zeit im Leben eines Kindes ist verloren", sagt sie: "So viel Geld können mir die gar nicht zahlen."

"Die" – das sind die Betreiber des Krankenhauses Göttlicher Heiland (bzw. deren Versicherung), die Ulrike K. mit Unterstützung ihres Anwalts Gerold Beneder vorerst einmal auf 55.000 Euro geklagt hat (siehe auch Zusatzbericht).

Das Spital bestreitet, einen Dammschnitt durchgeführt und dabei den Aftermuskel durchtrennt zu haben. Dieser sei vielmehr durch einen Dammriss verletzt worden. "Schicksalhaft" halt. Und um einen Kaiserschnitt habe die Patientin gar nie gebeten.

Im Göttlichen Heiland ist Ulrike K. seit der (aus ihrer Sicht) verpfuschten Geburt wohl bekannt. "Ah, die Tänzerin", heißt sie dort, und man erzählt sich, was ihr passiert ist. Jetzt ist das Gericht am Wort.