Chronik | Wien 14.01.2013

Schuleinschreibung: "Ein spätes Julikind"

Wer nicht Deutsch kann oder andere Schwächen hat, kommt in die Vorschulklasse.

Füüünf, seeechs, aaaacht“ – beim Zählen der kleinen Herzen in der Dose tut sich Eray sichtlich schwer. Im Herbst soll er die erste Klasse der Volksschule Wichtelgasse in Hernals besuchen und absolviert gerade mit zwei anderen Kindern im Büro von Direktorin Eva Mader die Schuleinschreibung. Beginnend mit gestern werden noch 80 Kinder bis 25. Jänner allein an dieser Schule den etwa einstündigen Test durchlaufen.

Bei der diesjährigen Einschreibung soll noch stärker als bisher auf die Deutschkenntnisse geachtet werden, kündigte zuletzt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl an. Das bedeutet: Wer die Sprache nicht ausreichend beherrscht, wird in einer Vorschulklasse speziell gefördert.

Was in Wien derzeit bereits an vielen Schulen Praxis ist, will Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz auf ganz Österreich ausweiten. Kritiker warnen allerdings, dass man so Gettoklassen schaffe.

Es gibt keine klaren Regeln, wie die Tests im Detail abzulaufen haben. Das liegt in der Praxis im Ermessen der Direktorin. Mader lässt Eray, Sarah und Yosef zunächst etwas zeichnen und ihren Namen schreiben. Eray zeichnet seinen Bruder. „Wie alt ist er?“, fragt die Direktorin. „Eins“, antwortet der Fünfjährige verlegen, der zu Hause laut seiner Mutter Türkisch spricht.

Doch bei ihm ist nicht allein die Sprache das Problem: Auch beim Würfelspiel, bei dem sich die Kinder entsprechend der gewürfelten Zahl der Reihe nach aufstellen müssen, wirkt er abwesend und rotiert teilnahmslos mit den Schultern hin- und her. Am Schreibtisch sitzt Maders Kollegin und füllt die Testunterlagen aus.

Vorschule

„Es ist schwierig“, sagt Mader später zu seiner Mutter. „Eray hat heute nicht viel gezeigt und immer erst reagiert, wenn ich intensiv auf ihn eingegangen bin. Aber er ist ja auch ein spätes Julikind.“ Wahrscheinlich wird er im Herbst die Vorschulklasse besuchen müssen.

Eine solche gibt es in der VS Wichtelgasse bereits seit mehreren Jahren. Derzeit werden 20 Kinder unterrichtet, viele haben einen Migrationshintergrund. Hier geht es deutlich lebendiger zu als in einer normalen Schulklasse. „Ich bin ja gar nicht zu spät“, weist etwa Robert die Direktorin gleich zurecht. „Im Herbst hat er nicht einmal geantwortet, als man ihn nach seinen Namen gefragt hat“, erzählt Mader, um zu unterstreichen, dass die Förderung wirkt.

In Kleingruppen nimmt man diesmal das Thema Körperteile und Bekleidung durch. So müssen die Kinder eine auf dem Boden aufgemalte Figur anziehen. Um den Kindern Deutsch beizubringen, ist elf Stunden pro Woche eine Sprachpädagogin da. „Eine Gettoklasse ist das hier sicher nicht“, sagt Lehrerin Dagmar Fischer. „Vielmehr machen wir gezielte Förderung. So können die Kinder dann in der ersten Klasse viel leichter mitmachen.“

Ob es Sinn macht, Kinder wegen mangelhafter Deutschkenntnisse in Vorschulklassen zu geben, ist heftig umstritten. Das Netzwerk SprachenRechte – ein Zusammenschluss von Experten aus Wissenschaft und Praxis – verurteilt das Wiener Modell, da es „einer strukturellen Diskriminierung gleichkommt und dem Schulunterrichtsgesetz widerspricht“. Wenn Kinder wegen mangelnder Deutschkenntnisse in die Vorschule eingestuft würden, obwohl ihre anderen Fähigkeiten für die Schulreife ausreichen würden, „werden dabei die sprachlichen Kompetenzen zwei- und mehrsprachiger Kinder völlig missachtet“.

Beim Katholischen Familienverband sieht man das anders. Vorschulklassen für Schüler mit Sprachproblemen seien „eine sinnvolle Ergänzung zum Gratiskindergartenjahr vor Schuleintritt“. Allerdings sollte die Anmeldung für die erste Klasse schon im September vor dem Schuleintrittsjahr erfolgen und nicht erst ein halbes Jahr vor Schuleintritt.

Schulreife in Wien: In Wien gibt es 212 öffentliche und 56 private Volksschulen.

Test: Bis 25. 1. müssen 16.000 Kinder die Schuleinschreibung absolvieren.

Kriterien: Überprüft werden soziale, kognitive, sprachliche und motorische Kriterien.117 Vorschulklassen gibt es in Wien. 1658 Schüler besuchen Vorschulklassen. Ein Viertel davon hat Deutsch als Muttersprache.

( Kurier ) Erstellt am 14.01.2013