Chronik | Wien
22.03.2012

Rückholaktion für "notorische Stangler"

In Wien schwänzen Tausende Kinder die Schule. Jetzt haben sie einen Ansprechpartner, der sie zurück in die Klasse holen soll.

Staatssektretär Sebastian Kurz hatte das Thema vor einigen Wochen aufgebracht. Er warnte vor den Gefahren eines Schulabbruches und forderte strengere Strafen für Schulschwänzer. Von härteren Sanktionen für Schwänzer hält Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl nichts. „Damit wird das Problem nicht gelöst“, sagt sie. Aber sie hat erkannt, dass es ein Problem gibt. Es gibt Klassen, wo viele Schüler lieber ins Kaffeehaus gehen.

 

Die Zahlen

In Wien wurden im Jahr 2011 zwischen Jänner und Oktober 1200 Meldungen wegen Schulschwänzens zur Anzeige gebracht; in 370 Fällen kam es zu einem Verfahren vor dem Bezirksgericht. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges: Die Hälfte der 12- bis 16-Jährigen schwänzt gelegentlich. Eine Anzeige ist nur die letzte Konsequenz, wenn Kinder wochen- oder monatelang nicht zur Schule gehen.

Schule schwänzen ist nicht cool und kein Kavaliersdelikt“ betont Brandteidl. Die Gefahr sei groß, dass notorische „Stangler“ aus der Gesellschaft herausfallen würden. „Mit jedem geschwänzten Tag steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schüler die Klasse nicht abschließt, um fünf Prozent“, zitiert sie eine US-Studie.

Also präsentierte Brandsteidl am Donnerstag unter großem Medieninteresse einen eigenen Schulschwänz-Beauftragten. Sein Name: Horst Tschaikner. „Kein abgetakelter Politiker mit Dienstauto“ (Brandsteidl), sondern ein Mitarbeiter ihres Büros, der selbst Hauptschullehrer ist – und angeblich nie Schule geschwänzt hat. Seine Aufgabe soll es sein, Jugendliche, die „keinen Bock auf Schule“ haben, wieder in die Klasse zurückzuholen. Wie ihm das gelingen soll, blieb vorerst noch vage. Sein „Maßnahmenpaket“: Daten sammeln, einen Leitfaden erstellen und Hilfe anbieten (Hotline: 01/52525-77111). Nicht dazu gehört, jene Eltern daheim zu besuchen, die ihre schulpflichtigen Kinder nicht in die Schule schicken, wie dies die Opposition forderte.

Die Praxis

Ulrike Dewam, 54, ist seit zehn Jahren Direktorin der Hauptschule Pöchlarnstraße im 20. Bezirk. 94 Prozent der 240 Kinder haben nicht Deutsch als Muttersprache. Jedes Jahr muss Dewam zwischen fünf und zehn Eltern wegen Schwänzens anzeigen. Dewam: „Das ist ein Prozess, der sich über Monate zieht. Wir laden Kinder und Eltern zu Gesprächen ein und sagen ihnen: Ohne Ausbildung keine Zukunft.“ Zusätzlich werden Jugendwohlfahrt und Schulpsychologen hinzugezogen. „Das ist ein großer administrativer Aufwand.“ Lohnt sich denn der? „Manchmal kommen Kinder nach einer Strafe wieder in die Schule.“ Meist aber nicht.

Schulphobie

Viele Kinder bleiben der Klasse fern, weil sie Angst vor der Schule haben; andere wollen einfach nicht. Die Eltern sind machtlos, weil sie ihren Kindern nie Grenzen gesetzt haben – oder vor ihnen das Haus verlassen. Dewam: „Und ich habe Schüler, die passen auf einen Elternteil auf. Wenn sie daheim bleiben, wird die Mama nicht geschlagen.“