Chronik | Wien
01.10.2013

„Rotlicht-Boss“ bleibt Haft erspart

Drei Jahre Gefängnis für Richard Steiner: Dank U-Haft und bedingter Entlassung geht er frei.

Richard Steiner, 42, bedankte sich artig beim Richter: „Das Verfahren war absolut fair. So was gab es seit Marc Aurel nicht mehr.“ Der römische Kaiser drehte die Sanduhr zugunsten der Angeklagten immer wieder um, um ihnen Redezeit zu schenken. Das letzte Sandkorn im Prozess gegen den angeblichen Schutzgelderpresser-Ring im Wiener Rotlicht rund um Steiner und fünf Mitangeklagte fiel am Dienstag, dem 31. Prozesstag.

Anleihen nahm der Schöffensenat im Wiener Straflandesgericht eher bei König Salomon: Nach fünfstündiger Beratungszeit fiel ein Urteil, das man durchwegs als Kompromiss bezeichnen kann.

Drei Jahre unbedingte Haft fasste Steiner aus. Auf den ersten Blick wirkt das angesichts der schwächelnden Anklage hart. Jedoch: Der 42-Jährige muss keinen einzigen Tag davon hinter Gittern verbringen. Zwei Jahre verbüßte er bereits in U-Haft. Das verbliebene dritte Jahr muss er ebenfalls nicht „nachsitzen“: Da der „Rotlicht-Boss“ bereits zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hatte, prüfte der Senat in einem Aufwaschen auch gleich eine bedingte Entlassung – und gab dem statt.

Vier Mitangeklagte fassten geringe Haftstrafen aus, ein fünfter wurde freigesprochen. Ihn muss der Staat für fast zwei Jahre in U-Haft entschädigen.

Die Indizien, dass Schutzgeld geflossen sei, waren für das Gericht „zu dünn“. Steiners Verurteilung kam dennoch nicht unerwartet: Einen Teil der vorgeworfenen Abgabenhinterziehung sowie einen Buttersäureanschlag hatte Steiner gestanden. Doch nicht nur dies, sondern auch den Hauptvorwurf, die Bildung einer kriminellen Organisation, sah Richter Stefan Erdei als erwiesen an.

Mit dem Urteil konnte die Staatsanwältin angesichts des enormen Ermittlungsaufwandes gerade noch ihr Gesicht wahren. Immerhin: Rund tausend Personen wurden abgehört; es gab Verhöre rund um den Globus und jahrelange Observationen.

Fehlstart

Schon die Anklageerhebung hat mit einem Fehlstart begonnen: Steiner ging nach zwei Jahren in U-Haft im Vorjahr frei. Die Staatsanwältin hatte die maximal zulässige U-Haftdauer verstreichen lassen, ohne eine Anklage zustande zu bringen. Im Prozessverlauf trat dann im Zeugenstand ein bemerkenswerter Domino-Effekt ein: Der Reihe nach fielen Zeugen um. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Am Montag räumte die Staatsanwältin resignierend ein, dass „ihre“ Zeugen kollektiv zurückgerudert seien. „Milieubedingten Druck“, nannte sie das. Im Klartext meinte sie: Wer will schon neben Hünen wie dem 2,16 Meter großen Zweitangeklagten, alias der „lange Peter“, auspacken, und ihm dann begegnen? Doch für Einschüchterungen gab es keine Beweise. Freilich: Unter Schutz stellte die Behörde keinen ihrer „Informanten“. Versäumnis? Oder war die Angst doch nicht so groß?

Richard Steiner erklärte stets: „Ja, die Zeugen waren massiv eingeschüchtert.“ Allerdings sei dies von der Exekutive ausgegangen. „Die wollten meinen Kopf.“

Hinter den Kulissen dürfte es Deals gegeben haben. Das sagten Angeklagte, aber auch Zeugen. Angeschmiert stand die Staatsanwältin da: Sie bekam im Gerichtssaal oft brühwarm das Gegenteil von dem serviert, was Zeugen den Polizisten zu Protokoll gegeben hatten. Schutzgeld? Das bestätigte niemand.

Eines hat das Verfahren bewirkt: Die Rotlicht-Truppe wurde zerschlagen. Ein Angeklagter fährt nun Taxi, ein anderer werkt bei einem Zeltverleih.

Richard Steiner: „Polizisten wollten mich vernichten“

KURIER: Die Staats­anwältin deutete an, Zeugen seien unter Druck gesetzt worden. Stimmt das?

Richard Steiner: Selbstverständlich. Aber von der Polizei. Weder ich noch meine Freunde haben Kontakt zu Zeugen gehabt. Was diese vor der Polizei ausgesagt haben, ist ihnen suggeriert worden. Das haben sie vor Gericht nicht wiedergegeben.

Das klingt nach einer Verschwörungstheorie. Warum sollten Polizisten das tun?

Ich war ihnen ein Dorn im Auge. Ich war laut Polizei der Staat im Staate. Ich sorgte für Ruhe, aber das wollten sie nicht. Sie wollten taktieren, die Kontrolle haben, aber niemand aus dem Rotlicht hat sie etwas gefragt, sie angerufen. Es gibt zwei Parteien bei der Polizei: Die einen sagen, der Steiner war ein Heiliger, der war super. Dann gibt es diese Beamten, die mich vernichten wollten, weil es lukrativ für ihre Karriere ist. Zweitens wollten sie Macht demonstrieren. Da haben Mittel keine Rolle gespielt. Es sind tausend Menschen abgehört worden.

Muss sich jetzt irgendwer im Rotlicht vor Ihnen fürchten?

Nein. Es sei denn, er würde mich tätlich angreifen.

Ist ein Comeback als Bordell-Chef ausgeschlossen?

Ja, absolut. Ich betreibe eine erfolgreiche Wodka-Marke. Und dass Wodka ein Multimilliarden-Geschäft ist, brauche ich Ihnen nicht sagen.

Wer ist jetzt der große Mann im Wiener Rotlicht?

Den gibt es nicht. Das sind jetzt Financiers aus der Wirtschaft. Namen will ich nicht nennen. Die suchen sich dann junge Leute, die ambitioniert sind und Geld verdienen wollen, und lassen sie als Geschäftsführer werken.

Gibt es etwas, was Sie im Rotlicht gelernt haben?

Ich habe dort die miesesten Charaktere getroffen, aber auch die besten.