Chronik | Wien
17.06.2017

Regenbogenparade: Fahnen, Flügel und Einhörner

Tanzend und feiernd ging es für die Demonstranten einmal "andersrum" um den Ring - für gleiche Rechte. Veranstalter freuten sich über einen Teilnehmerrekord, Abschluss mit prominenten Rednern.

Regenbogenfahnen, Regenbogenschirme, Regenbogenlidschatten, ja sogar Regenbogenwimpel auf den städtischen Müllfahrzeugen: Je näher man Samstagnachmittag dem Stadtzentrum kam, desto mehr häuften sich die Anzeichen: Die 22. Regenbogenparade ist in der Stadt.

Begleitet von Lkw mit meterhohen Boxen, aus denen unterschiedlichste Partymusik dröhnte, marschierten, tanzten und feierten mehr als 100.000 Teilnehmer "andersrum" (also gegen den Uhrzeigersinn) um den Ring – ein Großteil in aufwendig gestalteten Kostümen.

Regenbogenparade: Buntes Treiben in Wien

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22. Regenbogenparade Wien

22. Regenbogenparade Wien

22. Regenbogenparade Wien

Dreieinhalb Stunden ist etwa der Teilnehmer Stefan Poslovski am Vormittag in der Maske gesessen, bis das Make-up für sein Meerjungfraumannkostüm fertig war; mehrere Monate hatte zuvor eine Maskenbildnerin an dem Haarschmuck gearbeitet.

Dass er damit auffällt, stört ihn nicht. Im Gegenteil: "Jeder soll machen können, was er möchte – so lange er niemandem schadet. Genau darum geht’s heute doch."

Eine Botschaft

Denn egal ob die Teilnehmer im schwarzen Latex-Pferdekostüm, als weißer Engel mit ausladenden Federflügeln oder mit aufgeblasenem Einhorn gekommen waren – ihre Botschaft war dieselbe: gleiche Rechte für Lesben, Schwule, Intersex- und Transgender-Personen.

"Machen wir es, Kurz: Ja zur Ehe für alle" stand passend dazu auch auf dem Plakat des Grünen Klubs im "Pride Village" am Rathausplatz. Und dafür würde sich die grüne Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek in ihrer Rede am Abend am Rathausplatz einmal mehr stark.

"Mehr als überfällig", fand der 45-jährige Demoteilnehmer Hermann diese Forderung. Allerdings hatte der Kanzler doch schon bei der Rede vergangenes Jahr versprochen, für eine richtige Gleichstellung zu sorgen, sagte Hermann: "Eigentlich hätte ich mir erwartet, dass in der Zwischenzeit etwas weitergegangen wäre."

Marsch der Familie

Unter dem Motto "Marsch der Familie" fand am Nachmittag bei der Albertina eine Gegenveranstaltung statt. Rund 150 Teilnehmer demonstrierten gegen die Öffnung der Ehe für alle sowie gegen das Recht auf Abtreibung. Gegen 16.30 Uhr versuchten etwa 30 Linksaktivisten, teilweise vermummt, die durch eine Blockade zu stören. Die Blockade wurde von der Polizei aufgelöst und die Aktivisten zur Anzeige gebracht.

Abendlicher Abschluss mit prominenten Rednern

Lunacek erinnerte sich in ihrem Redebeitrag sich an die erste Regenbogenparade 1996 und machte nicht ohne Stolz auf rechtliche Fortschritte seitdem aufmerksam. Kern, der zum zweiten Mal als Regierungschef auftrat, betonte den Fortschritt in der gesellschaftlichen Integration: "Das macht mir eine diebische Freude, dass ihr in der Mitte der Gesellschaft steht und das repräsentiert, was Österreich ausmacht: Buntheit, Vielfalt und Offenheit."

Im Anschluss an die untypisch kurz gehaltenen Redebeiträge traten Musik- und Tanzgruppen auf, darunter Nathan Trent, der diesjährige Vertreter Österreichs beim Eurovision Song Contest.

Christian Högl von der Homosexuelleninitiative HOSI Wien zeigte sich zufrieden. Die Veranstalter schätzen die Anzahl der Teilnehmer bei der heurigen Parade auf 185.000. Die Polizei hat keine Zahlen veröffentlicht. Högl beobachtet seit den Anschlägen auf einen Schwulenclub in Orlando im Jahr 2016 eine zunehmende Politisierung. Einerseits sei heutzutage in der Mehrheitsgesellschaft Solidarität mit Homosexuellen spürbar, andererseits sei noch viel zu tun: "Dadurch, dass rechtlich fast alles erreicht ist, beginnt unsere Arbeit erst", denn die rechtliche Gleichstellung sei die Basis für gesellschaftliche Veränderungen.

Auch Katharina Kacerovsky, Geschäftsführerin der Stonewall GmbH, die das neuntägige Festival Vienna Pride organisiert hat, ist zufrieden. Für sie war Vienna Pride 2017 "so umfangreich und divers wie noch nie". Das sei "ein guter Grundstein für die EuroPride 2019", die nach 2001 zum zweiten Mal in Wien stattfinden soll.

Die Regenbogenparade erinnert an den ersten bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung. Am 28. Juni 1969 wehrten sich Homosexuelle in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village gegen eine gewalttätige Razzia. In Folge kam es zu mehrtägigen Straßenschlachten gegen die Polizei. Deswegen wird die Regenbogenparade auch Christopher Street Day genannt. In englischsprachigen und romanischen Ländern wird meist von " Gay Pride" oder "Pride Parades" gesprochen.

In Österreich wird die Parade seit 2003 von der Homosexuelleninitiative (HOSI) Wien veranstaltet. Für 2019 hat die Organisation den Zuschlag für die Austragung der EuroPride erhalten. Die EuroPride findet jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt statt. Nach Madrid heuer und Stockholm und Göteborg 2018, stehen für die Wiener Ausgabe gleich zwei Jubiläen an. Einerseits jähren sich die Unruhen von 1969 zum 50. Mal, andererseits feiert die HOSI Wien ihren 40. Geburtstag.
( APA)