© Michael Wessig

Nach Richterwechsel
09/29/2016

Prozess gegen Wiener Schutzgeld-Mafia vorverlegt

Verhandlung startet bereits am kommenden Mittwoch. Grund ist ein Richterwechsel.

Bereits am kommenden Mittwoch und nicht - wie ursprünglich festgelegt - am 11. Oktober beginnt im Wiener Landesgericht der Prozess gegen eine Bande, die in der Bundeshauptstadt mit beträchtlicher krimineller Energie Schutzgelderpressungen betrieben haben soll. Grund für die Vorverlegung ist ein Richterwechsel.

Rechtzeitig vor der Verhandlung wurde im Grauen Haus bemerkt, dass die Causa in die Sonderzuständigkeit der Wirtschaftsabteilung fällt. Der zunächst vorgesehene Richter trat die Verhandlung daher an Michael Tolstiuk ab, der in der Vergangenheit unter anderem zahlreiche Telekom-Prozesse geleitet hat.

In dem auf mehrere Tage anberaumten Schöffenverfahren geht es um die angeblich mafiöse Vereinigung "Struja" (auf Deutsch: Strom), an deren Spitze laut Anklage Edin D. (38) gestanden haben soll, den man in der sogenannten Balkan-Meile am Gürtel unter seinem Spitznamen "Edo" kennt. Vor zehn Jahren hatte der gebürtige Bosnier erstmals eingehend die Kriminalisten beschäftigt, als im Cafe "Cappuccino" in Hernals ein Lokalbesucher bei einer Schießerei ums Leben kam und ein weiterer Mann schwer verletzt wurde.

Der Mord konnte nie geklärt werden, die Hintergründe, bei denen "Edo" eine Rolle gespielt haben dürfte, blieben rätselhaft. Nun glaubt die Anklagebehörde allerdings beweisen zu können, dass es sich bei "Edo" um "den Kopf einer kriminellen Vereinigung handelt, die auf die Erpressung von Schutzgeld und die Begehung weiterer schwerwiegender Straftaten ausgerichtet war", wie der Anklageschrift zu entnehmen ist.

Teure Türsteher

Betroffen war demnach vor allem ein Lokal in Ottakring. Zunächst sollen "Edo" und seine Bande - neben ihm wurden drei Tschetschenen, zwei Bosnier und eine Serbin zur Anklage gebracht - gezielt Schlägereien angezettelt haben, so dass Lokalbesucher teilweise erheblich verletzt wurden. Damit brachte man die beiden Eigentümer dazu, den mitangeklagten Magomed B. als Türsteher zu beschäftigen, der als Entlohnung 1.600 Euro und zusätzlich immer wieder mehrere 1.000 Euro an "Sonderzahlungen" verlangt haben soll.

Obwohl die Betreiber das Schutzgeld bezahlten, soll der 25-jährige Tschetschene weiterhin Lokalgäste verprügelt haben. Im November 2015 wurde schließlich einer der Eigentümer mittels Drohungen dazu genötigt, seinen Anteil an dem Lokal zu verkaufen, um 50.000 Euro aufbringen zu können. Aus dem im Gegenzug dafür in Aussicht gestellten Rückzug der Bande wurde aber nichts. Obwohl zum Jahreswechsel die 50.000 Euro den Besitzer wechselten, wurde nunmehr der neue Teilhaber des Lokals bedrängt, der Ende Februar 5.000 Euro flüssig machte, um seine Ruhe zu haben.

Cannabis für Sattelschlepper

Als weitere Opfer von Schutzgeld-Erpressungen werden in der Anklage Handyshops im dritten und im 15. Bezirk erwähnt. "Edo", der sich selbst als Projektleiter einer Immobilienfirma bezeichnet, soll außerdem sieben geleaste Sattelschlepper Richtung Balkan verschoben haben. Drei von ihnen wurden in Montenegro von der Polizei beschlagnahmt, weil der Käufer in den Augen von "Edo" zu spät zum Übergabeort erschien. Als Kompensation musste dieser dem 38-Jährigen laut Anklage 50 Kilogramm Cannabiskraut in die Bundeshauptstadt liefern, das in einer Wohnung im Bezirk Wieden gebunkert und laufend verkauft wurde. Bei einer Hausdurchsuchung konnten hinter einer Holzverkleidung noch 15 Kilogramm sichergestellt werden.

Im Ermittlungsverfahren haben sämtliche Angeklagte die Vorwürfe bestritten oder von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht. Ein weiteres angebliches Bandenmitglied, gegen den separat ermittelt wird, hat nach seiner Festnahme allerdings ein Geständnis abgelegt und gegen seine früheren Partner ausgesagt. Das brachte ihm Morddrohungen ein. Aus Sicherheitsgründen wurde der Mann daher aus der Justizanstalt Josefstadt in ein anderes Gefängnis verlegt.