Chronik | Wien
10.03.2014

Praterstern bleibt ein Streitthema

Auch an Venediger Au und Stuwerviertel scheiden sich die Geister. Am Montag findet eine Bürgerversammlung statt.

Theodor Witzani hat stets ein Gas-Schussgerät oder ein kleines Messer in der Jackentasche. Ohne fühlt sich der 67-Jährige im Grätzel Praterstern/Venediger Au/Stuwerviertel schutzlos. Anrainerin Christine Lang (55) geht es so ähnlich. Sie hat auch meistens einen Pfefferspray zur Selbstverteidigung dabei. Die beiden gehören zu jenen Leopoldstädtern, die ihre Sorgen am Montagabend bei einer – von der FPÖ beantragten – Bürgerversammlung vorbringen wollen (19:30 Uhr, Fachhochschule des bfi, Wohlmutstraße 22). Die Themen: Alkoholismus, Drogen und Prostitution im öffentlichen Raum.

Frau Lang stört am Praterstern vor allem, "dass man als normaler Bürger nicht einmal mehr unbehelligt auf die Öffis warten kann". Oft werde man von Betrunkenen angebettelt oder angepöbelt. Eine alkoholisierte Frau sei einmal schreiend auf sie zugerannt und habe sie angespuckt; ein Mann, dem sie keine Zigarette geben wollte, habe sie tätlich angegriffen, erzählt die 55-Jährige. Zudem sei ihre 16-jährige Tochter in einem U-Bahn-Abgang belästigt worden.

Witzani, Walter und Justine Joschenak (77 und 70) sowie Gerhard Rauch (49) sind ganz Langs Meinung: Um den Praterstern sicherer zu machen, wünschen sich die beunruhigten Anrainer ein lokales Alkoholverbot.

Auch in der Venediger Au hinter dem Bahnhof – wo sich ein Kindergarten und ein Spielplatz befinden – könnte es schöner sein, finden sie. Immer wieder würden hier Spritzen herumliegen, schildern die Herrschaften. Drogendeals und Prostituierte auf Freier-Suche seien altbekannte Ärgernisse. Abhilfe könne da nur mehr Polizeipräsenz schaffen.

Genau wie im angrenzenden Stuwerviertel, wo die Straßenprostitution zwar verboten ist. Wo grell geschminkte Damen aber nach wie vor eindeutige Angebote machen würden. Während des KURIER-Lokalaugenscheins an einem frühen Nachmittag drehen vereinzelte Frauen in engen Jeans auffallend oft immer dieselben Runden.

Entspannt: Andraschek und Altenburger
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KURIER/ Jeff Mangione
"Lebendig und erdig"

Gelassener beurteilt Hildegard Altenburger den Status quo. Abends verlässt die 88-Jährige, die beim Max-Winter-Platz wohnt, das Haus zwar prinzipiell nicht. Tagsüber fühlt sich die rüstige Pensionistin im Stuwerviertel aber pudelwohl. Und sicher.

"Ich bin noch nie angepöbelt worden. Wenn ich sehe, dass irgendwo ein paar Betrunkene herumstehen, mach’ ich halt einen großen Bogen um sie", erzählt sie.

Vor allem punkto Prostitution habe sich viel verbessert. Früher sei in dem Grätzel so gut wie jede Frau von potenziellen Freiern belästigt worden. "Aber das ist vorbei."

Das sieht auch Dieter Andraschek-Holzer so, der in der Lassallestraße ein Catering-Unternehmen führt. Sorge um Frau und (19-jährige) Tochter habe er trotz "vereinzelter Probleme" keine. Dafür sei das Grätzel viel zu "lebendig und erdig". "Hier hast du keine Bobos, hier kannst du noch mit ganz normalen Leuten was trinken gehen", meint er. Und die Verbrechensrate sei nicht größer als im Rest der Stadt.

Verbesserungspotenzial sehen aber auch Altenburger und Andraschek-Holzer. Zum einen würden sie mehr Notschlafstellen für Obdachlose begrüßen. Zum anderen sei eine Belebung einzelner Grätzelteile wünschenswert. "Die vielen leeren und verdreckten Auslagen stören mich", sagt Altenburger.

Bezirksvorsteher Karlheinz Hora (SP) kennt sämtliche Kritikpunkte. Punkto Praterstern und Venediger Au bemühe man sich gemeinsam mit der Exekutive bereits, die Probleme in den Griff zu kriegen, sagt er. Bei der Straßenprostitution im Stuwerviertel sei aber die Beweislage schwierig. Man müsse die Frauen schon auf frischer Tat ertappen. Besonders eifrige Zeugen hätten etwa auch schon WU-Studentinnen, die eine Straßenumfrage durchführten, als Prostituierte "identifiziert".

Eine Erleichterung erhofft sich aber auch Hora von der neuen Polizeiinspektion in der Lassallestraße. Diese liege ebenso wie der bisherige Posten direkt am Praterstern, sei aber um einiges größer und moderner.

Praterstern: Die ewige Problemzone