Praterstern bleibt ein Streitthema

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Foto: KURIER/Jeff Mangione Polizisten kontrollieren laufend Personen, die am Praterstern herumlungern. So mancher wünscht sich noch mehr Beamte im Einsatz.

Auch an Venediger Au und Stuwerviertel scheiden sich die Geister. Am Montag findet eine Bürgerversammlung statt.


Theodor Witzani hat stets ein Gas-Schussgerät oder ein kleines Messer in der Jackentasche. Ohne fühlt sich der 67-Jährige im Grätzel Praterstern/Venediger Au/Stuwerviertel schutzlos. Anrainerin Christine Lang (55) geht es so ähnlich. Sie hat auch meistens einen Pfefferspray zur Selbstverteidigung dabei. Die beiden gehören zu jenen Leopoldstädtern, die ihre Sorgen am Montagabend bei einer – von der FPÖ beantragten – Bürgerversammlung vorbringen wollen (19:30 Uhr, Fachhochschule des bfi, Wohlmutstraße 22). Die Themen: Alkoholismus, Drogen und Prostitution im öffentlichen Raum.

… Foto: KURIER/Jeff Mangione Die Joschenaks, Lang, Witzani und Rauch (v. li.) fühlen sich unsicher

Frau Lang stört am Praterstern vor allem, "dass man als normaler Bürger nicht einmal mehr unbehelligt auf die Öffis warten kann". Oft werde man von Betrunkenen angebettelt oder angepöbelt. Eine alkoholisierte Frau sei einmal schreiend auf sie zugerannt und habe sie angespuckt; ein Mann, dem sie keine Zigarette geben wollte, habe sie tätlich angegriffen, erzählt die 55-Jährige. Zudem sei ihre 16-jährige Tochter in einem U-Bahn-Abgang belästigt worden.

Witzani, Walter und Justine Joschenak (77 und 70) sowie Gerhard Rauch (49) sind ganz Langs Meinung: Um den Praterstern sicherer zu machen, wünschen sich die beunruhigten Anrainer ein lokales Alkoholverbot.

Auch in der Venediger Au hinter dem Bahnhof – wo sich ein Kindergarten und ein Spielplatz befinden – könnte es schöner sein, finden sie. Immer wieder würden hier Spritzen herumliegen, schildern die Herrschaften. Drogendeals und Prostituierte auf Freier-Suche seien altbekannte Ärgernisse. Abhilfe könne da nur mehr Polizeipräsenz schaffen.

Genau wie im angrenzenden Stuwerviertel, wo die Straßenprostitution zwar verboten ist. Wo grell geschminkte Damen aber nach wie vor eindeutige Angebote machen würden. Während des KURIER-Lokalaugenscheins an einem frühen Nachmittag drehen vereinzelte Frauen in engen Jeans auffallend oft immer dieselben Runden.

… Foto: KURIER/Jeff Mangione Entspannt: Andraschek und Altenburger

"Lebendig und erdig"

Gelassener beurteilt Hildegard Altenburger den Status quo. Abends verlässt die 88-Jährige, die beim Max-Winter-Platz wohnt, das Haus zwar prinzipiell nicht. Tagsüber fühlt sich die rüstige Pensionistin im Stuwerviertel aber pudelwohl. Und sicher.

"Ich bin noch nie angepöbelt worden. Wenn ich sehe, dass irgendwo ein paar Betrunkene herumstehen, mach’ ich halt einen großen Bogen um sie", erzählt sie.

Vor allem punkto Prostitution habe sich viel verbessert. Früher sei in dem Grätzel so gut wie jede Frau von potenziellen Freiern belästigt worden. "Aber das ist vorbei."

Das sieht auch Dieter Andraschek-Holzer so, der in der Lassallestraße ein Catering-Unternehmen führt. Sorge um Frau und (19-jährige) Tochter habe er trotz "vereinzelter Probleme" keine. Dafür sei das Grätzel viel zu "lebendig und erdig". "Hier hast du keine Bobos, hier kannst du noch mit ganz normalen Leuten was trinken gehen", meint er. Und die Verbrechensrate sei nicht größer als im Rest der Stadt.

Verbesserungspotenzial sehen aber auch Altenburger und Andraschek-Holzer. Zum einen würden sie mehr Notschlafstellen für Obdachlose begrüßen. Zum anderen sei eine Belebung einzelner Grätzelteile wünschenswert. "Die vielen leeren und verdreckten Auslagen stören mich", sagt Altenburger.

… Foto: KURIER/Jeff Mangione Auffällige Passantinnen erregen Gemüter

Bezirksvorsteher Karlheinz Hora (SP) kennt sämtliche Kritikpunkte. Punkto Praterstern und Venediger Au bemühe man sich gemeinsam mit der Exekutive bereits, die Probleme in den Griff zu kriegen, sagt er. Bei der Straßenprostitution im Stuwerviertel sei aber die Beweislage schwierig. Man müsse die Frauen schon auf frischer Tat ertappen. Besonders eifrige Zeugen hätten etwa auch schon WU-Studentinnen, die eine Straßenumfrage durchführten, als Prostituierte "identifiziert".

Eine Erleichterung erhofft sich aber auch Hora von der neuen Polizeiinspektion in der Lassallestraße. Diese liege ebenso wie der bisherige Posten direkt am Praterstern, sei aber um einiges größer und moderner.

Praterstern: Die ewige Problemzone

Drogen, Alkohol, Obdachlose und Kriminelle: Der Bahnhof Praterstern ist trotz des großen Umbaus vor fünf Jahren nach wie vor das Schmuddelkind unter den Wiener Bahnhöfen. Zwar hat der Bahnhof rein vom Aussehen her seinen einst herben "Ostblock-Charme" verloren und präsentiert sich inzwischen als moderne Zugstation. Vieles erinnert aber noch an frühere Verhältnisse: Obdachlose und Gruppen von Alkoholikern sind rund um den Platz weiterhin präsent. Unternehmer ärgern sich darüber, dass die Wohnungslosen ständig Gäste nach Zigaretten fragen und Passanten anpöbeln. Um die Probleme am Bahnhof zu lösen, gründeten die Stadt Wien, Billa, die Wiener Linien und die ÖBB, 2008 eine gemeinnützige Gesellschaft – SAM. Seither kümmern sich Sozialarbeiter 363 Tage im Jahr um ein gutes Miteinander. „Der Praterstern ist ein knochenharter Überlebenskampf“, berichtete Markus Bettesch, Leiter von SAM in einer KURIER-Reportage aus dem Vorjahr. Gespräche mit beiden Seiten - Passanten und Obdachlosen - sollen das gegenseitige Verständnis verbessern. Ein Sicherheitsproblem stellen die Obdachlosen allerdings nicht wirklich dar: Die wenigsten sind gewalttätig oder kriminell. „Die meisten wollen bloß in der Gruppe sein und ihre Ruhe haben", sagt ein Polizist. Die Polizei ist am Bahnhofs-Areal täglich von 7 bis 22 Uhr und auch in der Nacht unterwegs. Ein Großteil der Einsätze – 2012 waren es 1003 – entfällt auf Erste Hilfe, Ladendiebstähle oder Ordnungsstörungen. Allerdings ist der Praterstern auch immer wieder Schauplatz von blutigen Auseinandersetzungen. Im März 2010 waren sechs Männer in eine Rauferei verwickelt, bei der sogar eine Kettensäge zum Einsatz kam. Den Fahrgästen der Wiener Linien und ÖBB scheinen diese Probleme jedenfalls nicht weiter aufzufallen. Beim VCÖ-Bahntest 2013 landete der Praterstern auf Platz 17 der schönsten Bahnhöfe - noch vor der Station Wien-Mitte. Am Praterstern herrscht anscheinend ständig Hochbetrieb. Täglich wird er von rund 240.000 Menschen frequentiert. Einst war der frühere Nordbahnhof sogar der wichtigste Bahnhof der k.u.k. Monarchie (Bild). Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die schwer beschädigte Station aber immer mehr an Bedeutung. 1965 wird die Bahnhofsruine gesprengt. Ein Lichtblick für das Areal tat sich 1981 auf: Die U-Bahnstrecke der Linie U1 zwischen den Stationen Nestroyplatz und Praterstern wurde in Betrieb genommen. In den vergangenen Jahren hat der Bereich Prater(stern), Messe, Krieau und Stadion seine bisher größte Renaissance erlebt. 2008 wurde die U-Bahn-Linie U2 bis zum Stadion (und später bis zur Seestadt) verlängert. Zudem sorgen neue Geschäfte und ein modernes Design für ein angenehmeres Flair im Viertel. Bis der Praterstern sein Schmuddel-Image endgültig abschütteln kann, wird es aber wohl noch dauern.
(kurier) Erstellt am
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