Chronik | Wien 09.03.2012

Polizei sucht Ursachen für Gemetzel in der Dusche

© Bild: Polizei

Nach neun Schüssen auf eine psychisch kranke Frau steht die Polizei in der Kritik. Wie es dazu kam, ist nur zum Teil klar.

Der tatsächliche Amokläufer war der Polizist, nicht die Frau. In solch einer Situation muss doch ein Schuss genügen.“ Nino B., er wohnt im Grätzl, kann die neun abgegebenen Schüsse „in keiner Weise nachvollziehen“.

Sein Freund, Mario A., sieht es ähnlich: „Da sind fünf Beamte in der Wohnung und die finden in der Situation keine andere Lösung?“ Die Freunde sitzen im nahen Café und diskutieren kopfschüttelnd über das Blutbad von Mittwochfrüh in der Goldschlagstraße 29. Sie kennen das Opfer flüchtig: „Sie wirkte ruhig und freundlich. Eigentlich ist sie gar nicht aufgefallen.“

Derzeit untersuchen im Auftrag des Staatsanwaltes Kriminalisten aus der Steiermark die außer Kontrolle geratene Amtshandlung. Wie berichtet, war eine 37-jährige, mit zwei Messern bewaffnete, Frau in ihrer Wohnung auf Polizisten losgegangen. Sie wurde von neun Polizeikugeln durchsiebt. Ins Rollen gebracht hatte die Amtshandlung ein unter der Frau wohnender Polizist, weil er Wasserflecken an seiner Decke bemerkt hatte.

Schießwütiger Beamter oder gerechtfertigter Schusswaffengebrauch? Ein Ergebnis gibt es noch nicht.

Hinter dieser Tür spielten sich dramatische Szenen ab, die Frau schwebt in Lebensgefahr.
© Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Der KURIER hat die Polizei und Zeugen befragt. Daraus ergibt sich zu den wichtigsten Fragen folgendes Bild:

Warum sind die Polizisten nicht abgezogen und haben die Sondereinheit WEGA geholt?

Sie rechneten nicht mit einem Angriff. Die Polizisten wurden zur Unterstützung der Feuerwehr gerufen, die wegen eines angeblichen Brandalarms am Tatort war. Es gab zwar keinen Brand, es waren aber Schreie einer Frau zu vernehmen. Als die Schreie verstummten, drangen zwei Polizisten gewaltsam bis in das Badezimmer vor. Was sie zunächst nicht sahen: Die Frau stand mit zwei Messern in der Duschkabine. Der Vorhang war zugezogen. Plötzlich erfolgte die Messerattacke.

Wie kam es zu insgesamt neun Schüssen?

Zu dem, was jetzt folgt, gibt es eine erste Darstellung der Polizei. Die Frau ging auf einen der beiden Beamten los und verletzte ihn an der Hand leicht. Er kam dabei zu Sturz. Sein Kollege setzte daraufhin den Pfefferspray ein. Der zeigte keine Wirkung. Daraufhin fiel der erste Schuss. Die Frau blieb verletzt liegen. Die Beamten flüchteten in die Küche. Die Angeschossene tauchte dort wenig später auf. Es fielen weitere acht Schüsse. Sie wurde in Hände, Oberkörper und Bauch getroffen. Eine Frage für den Staatsanwalt wird jetzt sein, ob der Polizist nicht die Frau bereits im Bad hätte entwaffnen müssen.

Warum hat der Pfefferspray nicht gewirkt?

Der Pfefferspray erweist sich vor allem bei psychotischen und unter Drogeneinfluss stehenden Personen als wirkungslos. Der Grund dafür ist laut Gutachten die „Schmerzbefreitheit“ dieser Menschen. Darauf wird in der Polizeiausbildung hingewiesen.

Hätte die Tobende auf den Taser reagiert?

Es ist kein Fall bekannt, in dem diese Elektroschockwaffe nicht gewirkt hätte. Die steht der Polizei aber nicht flächendeckend zur Verfügung, sondern nur Sondereinheiten. Die WEGA war zwar am Weg zum Einsatzort, kam aber um einige Minuten zu spät.

Abseits der Diskussionen über den Einsatz schwebte Kerstin A. am Donnerstag noch in akuter Lebensgefahr. Zu Mittag konnten Verwandte (sie wollten anonym bleiben) erstmals die Frau besuchen. Ansprechbar war sie nicht. Laut AKH wurde das Schussopfer in der Nacht auf Freitag noch einmal operiert. Auch am Freitag war der Zustand der Frau laut Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Michaela Schnell.

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Erstellt am 09.03.2012