Chronik | Wien
04.09.2017

Pickerl in Favoriten: Kaum Pendler, Sturm aufs Bezirksamt

Am Tag eins blieben die P-&-R-Anlagen fast leer, bei den Behörden gab’s lange Schlangen.

Als Clemens Fontner Montagfrüh die Park-&-Ride-Anlage in Oberlaa erblickt, atmet er erleichtert auf. Der Burgenländer aus Zillingtal hat mit dem Schlimmsten gerechnet, doch tatsächlich gibt es auf der neu geschaffenen Parkfläche noch jede Menge freie Plätze.

Seit gestern, Montag gilt auch in Favoriten die gebührenpflichtige Kurzparkzone. Nicht-Favoritner dürfen das Auto damit nicht mehr ohne Kurzparkschein und auch dann nur maximal drei Stunden abstellen. Die Pendler – bis vor Kurzem sind täglich rund 7800 Kfz allein aus Niederösterreich in Favoriten untergekommen – müssen sich nun nach Alternativen umsehen. Etwa in einem der beiden neuen Park-&-Ride-Plätze, die die Stadt Wien in Oberlaa und Neulaa geschaffen hat.

Doch mit insgesamt nur rund 350 Plätzen war den Autofahrern diese Option offenbar zu unsicher. Jedenfalls herrschte auch in der Anlage in Neulaa kurz nach acht Uhr noch gähnende Leere.

900 Anträge an einem Tag

Besser spät als nie – das scheint indes das Motto vieler Favoritner in puncto Parkpickerl-Beschaffung zu sein. Im Bezirksamt reichten die Menschenschlangen Montagvormittag bis auf die Straße hinaus. 900 Anträge wurden bis zum frühen Nachmittag im Bezirksamt gestellt. In den kommenden Tagen dürfte es ähnlich zugehen. Denn 64.000 Kraftfahrzeuge sind im 10. Bezirk gemeldet; bis Montagvormittag hatten erst 29.000 Bezirksbewohner ein Parkpickerl für ihren Pkw besorgt.

Das zeigt sich auch beim Lokalaugenschein am Reumannplatz: Die Hälfte der Wiener Autos ist noch nicht mit einem Parkpickerl ausgestattet. Und: Immer wieder sieht man auch Autos mit niederösterreichischem oder ausländischem Kennzeichen ohne Kurzparkschein. Drei Tage lang wird es laut Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner (SPÖ) eine Schonfrist geben.

Die Opposition nutzte den Tag, um einmal mehr die Verkehrspolitik der Stadt zu kritisieren. In einer Pressekonferenz nannte FPÖ-Vizebürgermeister Johann Gudenus die Einführung des Parkpickerl eine "Abzocke". Gemeinsam mit dem burgenländischen Landeshauptmannstellvertreter Johann Tschürtz (denn das Pickerl in Favoriten würde Pendler aus dem Burgenland besonders treffen) und Stefan Berger von der FPÖ Favoriten, sprach sich Gudenus für eine Ausweitung der Park-&-Ride-Anlagen bei U-Bahn-Endstationen am Stadtrand aus.

Bis 2020 müsse es mindestens 25.000 Park-&-Ride-Stellplätze am Rande Wiens geben.Langfristig brauche es 100.000 Stellplätze.

Die Neos drängten – ebenfalls einmal mehr – auf ein einheitliches Pickerl-System in ganz Wien: "Die Pendler werden nun vermehrt in Simmering und Liesing ihr Auto abstellen. Bis dort der Ruf nach einem Parkpickerl lauter wird. Wie viele Bezirke mit einer individuellen Regelung braucht es noch, bis Rot-Grün einsieht, dass ein sinnvolles Gesamtkonzept notwendig ist?", fragt Neos Wien Verkehrssprecherin Bettina Emmerling.

Chaos blieb auch in NÖ aus

Im benachbarten Leopoldsdorf in Niederösterreich blieb das Pendler-Chaos durch umherkurvende Autos auf Parkplatzsuche und zugestellte Straßen übrigens aus. Anrainer hatten befürchtet, dass Wien-Pendler in ihrer Siedlung unmittelbar vor der Stadtgrenze parken und mit dem Bus zur neuen U1-Endstation fahren. "Das große Zuparken ist nicht passiert", ist Bürgermeister Fritz Blasnek (ÖVP) erleichtert. Man sei jedoch vorbereitet: Innerhalb von drei Wochen könne in den betreffenden Gebieten eine Kurzparkzone verordnet werden. In den nächsten Wochen soll die Situation evaluiert werden.

In Kledering bei Schwechat, das nun zusätzlich durch neue Busse besser an die Wiener Öffis angebunden ist, blieb es ebenfalls ruhig. "Wir werden Kledering und das Zentrum von Schwechat aber unter Beobachtung halten", sagt Vizebürgermeisterin Brigitte Krenn (Grüne). Notfalls seien auch hier Kurzparkzonen denkbar.