Kinder, die in der Steinergasse leben

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Grobe Missstände in Wiener Behindertenwohnheim
01/13/2017

Grobe Missstände in Wiener Behindertenwohnheim

Die adäquate Betreuung der schwer- und mehrfachbehinderten Kinder wurde durch Inkompetenz und fehlendes Verantwortungsgefühl der Geschäftsführung unmöglich gemacht - so lautet der Vorwurf mehrerer Mitarbeiter und Ex-Mitarbeiter. Diakonie gibt ab.

von Yvonne Widler

Ihr schlechter Ruf eilt der "Steinergasse“ - in der Szene jedenfalls - voraus. Gemeint ist das betreute Wohnheim für behinderte Kinder und Jugendliche im 17. Wiener Gemeindebezirk: Sechs unterschiedliche Hausleitungen innerhalb der letzten 12 Jahre, eine generell auffällig hohe Fluktuation der Mitarbeiter und bereits im Jahr 2007 wurde über Missstände in dem Haus berichtet.

Fast zehn Jahre später gibt es erneut Vorwürfe des aktuellen Personals und ehemaliger Mitarbeiter, die dem KURIER vorliegen: Monatelanges Warten auf Arztvisiten, falsche Medikamentenabgabe, Verabreichung von unverträglichen Nahrungsmitteln, unnötige Darmeinläufe, ungeschultes Personal nimmt Pflegehandlungen vor (so auch die Haushälterin), Personalmangel und hohe Fluktuation der Mitarbeiter - daraus resultierende Verhaltensauffälligkeiten der Kinder bis hin zur Selbstverletzung, häusliche Probleme bei den Kindern, denen nicht nachgegangen wird – verabsäumte Gefahrenmeldungen, ausstehende Gesundheitskontrollen in allen Bereichen, Flüssigkeitsmängel, grobe Dokumentationsfehler, Schmerzproblematiken und starke Gewichtsverluste der Kinder.

"Nie jemand am Werk, der Ahnung hat"

Laut Vorwürfen von Mitarbeitern seien die Probleme auf die verantwortungslose und inkompetente Leitung von Seiten des Diakoniewerks, welches die Steinergasse als Trägerverein betreibt, zurückzuführen. Seit Monaten sei die adäquate Betreuung der Kinder nicht mehr gegeben, daraus resultierten massive Missstände und Vernachlässigungen in der Pflege und der Betreuung. Auf mehrfachen Hinweis von Seiten der Mitarbeiter habe das Diakoniewerk, allen voran Wien-Geschäftsführer Daniel Dullnig, nicht reagiert. Die Missstände würden sowohl den organisatorischen als auch den gesundheitlichen Pflegebereich betreffen. Viele Abläufe seien chaotisch und unstrukturiert. "Kein einziger Vorgang war verständlich, logisch oder effizient“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Die Ablage von Befunden, Stuhllisten oder anderen Dokumenten sei ein katastrophales Durcheinander, dadurch seien immer wieder Fehler passiert, weil niemand im Haus den Überblick bewahren konnte. "All das zeigt nur, dass hier nie jemand am Werk war, der Ahnung von einem derartigen Betrieb hat.“

Zwischen Wäschekörben am Esstisch seien die Dokumente sortiert worden, fehlerfreies Arbeiten sei unmöglich gewesen. Bereits über Jahre hinweg hätten sich so die Problemfelder angehäuft. Und immer sei weggeschaut worden. Dabei seien die vorhanden Ressourcen an und für sich ausreichend gewesen. "Man hätte die Kinder wunderbar betreuen können, aber das vorherrschende Chaos hat es nicht zugelassen“, so ein ehemalige Hausleitung zum KURIER.

Die meisten Kinder in der Steinergasse sind nicht imstande, alleine zu essen und zu trinken. Daher muss der notwendige Bedarf an Flüssigkeit festgehalten werden. "Bei manchen waren am Ende des Tages bloß ein paar Schluck Wasser dokumentiert - also viel zu wenig - und selbst darauf gab es keine Reaktion“, so eine Betreuungskraft des Hauses. Wegen mittlerweile akuten Personalmangels seien nicht einmal genügend Betreuer vor Ort, um mit einem Kind, das Zahnschmerzen hat, einen Arztbesuch zu erledigen. Dringend seien fachärztliche Abklärungen notwendig, um Anti-Epileptika zu verordnen, Medikationen zu verändern oder Kinder mit Halluzinationen zu behandeln. Das ständige Kommen und Gehen der Mitarbeiter führe zu etlichen Fehlern, mittlerweile würden miserable Zustände herrschen. Es soll sogar so weit gehen, dass die Haushälterin heikle Pflegehandlungen durchführen müsse.

Dabei habe es für einen kurzen Zeitraum nach Besserung ausgesehen. "Die letzte Hausleitung hatte die Probleme erkannt und entsprechende Maßnahmen gesetzt, um das chaotische System zu verändern. Wir waren wirklich auf einem guten Weg“, so eine Betreuungskraft. "Sie war die einzige, die es geschafft hat, den absoluten Wahnsinn fernzuhalten“, sagt ein anderer Mitarbeiter. Als diese Hausleitung jedoch gegenüber dem Management geäußert hätte, dass der Zustand nicht mehr tragbar und mehr Unterstützung von deren Seite nötig sei, folgte im August 2016 eine Dienstauflösung – die Begründung hätte man bis heute nicht erfahren.

Viele der Mitarbeiter verließen schließlich die Steinergasse – die übrig gebliebenen seien am Rande des Burnouts. Es herrsche kritische Unterbesetzung. 50 Überstunden pro Monat wurden zum Normalfall. Sie wollten, dass die Kinder so wenig wie möglich unter dem schlechten Management leiden müssen, doch an einem Punkt sei es einfach nicht mehr machbar gewesen. Daher haben sich die Mitarbeiter selbst an die Stadt Wien gewandt, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten. Es folgten Begehungen durch das Jugend- und Gesundheitsamt, die sich beide "sehr schockiert und erschüttert über die Zustände“ zeigten, wie ein Mitarbeiter berichtet. Rasch wurde von Seiten der Stadt entschieden, dass es das Beste sei, wenn sechs Kinder das Haus verlassen.

Die medizinisch "heikelsten Fälle“ mussten aus der Steinergasse in einer Hauruck-Aktion ausziehen – obwohl es gerade für diese Kinder psychisch die größte Belastung sei, wie Mitarbeiter berichten. Aber der Bewohnerstand musste reduziert werden, um adäquatere Betreuung zu sichern. "Die Kinder zahlen also den Preis für die Fehler der Leitung, mussten ihr Zuhause und ihre Bezugspersonen verlassen“, sagt eine Pflegekraft. Obwohl sich die Mitarbeiter selbst an das Magistrat gewandt haben, sei es für sie der furchtbarste Tag in ihrer beruflichen Laufbahn gewesen.

Welche Kinder leben in der Steinergasse?

In dem Wohnheim wurden 20 schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche mit massiven motorischen Beeinträchtigungen untergebracht. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in Wien: Denn hier werden Kinder mit PEG-Sonden oder auch Trachealkanülen versorgt. Für die Betreuung erhält das Diakoniewerk finanzielle Mittel von der Stadt. Der Tagsatz im Bereich der Behindertenbetreuung liegt zwischen 151 und 255 Euro – je nach Pflegebedürftigkeit, personellen Ressourcen vor Ort und Alter der zu betreuenden Klienten.

Viele der in der Steinergasse untergebrachten Kinder leiden an einer sogenannten Zerebralparese. Eine Behinderung, die verschiedenste körperliche und geistige Einschränkungen mit sich bringt. Kaum ein Kind aus der Steinergasse kann sich verbal verständigen. Das Betreuungspersonal ist gleichzeitig wichtigste Bezugsperson. Bei fast allen Kindern hat das Jugendamt (MA11) die Obsorge. Warum leben diese Kinder dort? "Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einerseits ist vielen Eltern die Pflege zu anstrengend. Dann gibt es jene, denen die Kinder vom Amt weggenommen wurden“, so eine ehemalige Hausleitung zum KURIER. Und dann gebe es noch jene Kinder, die nicht mehr aus dem Spital abgeholt wurden. Viele Eltern stammen selbst aus sozial desolaten Verhältnissen, seien selbst in Jugendamt-Obsorge und Heimen aufgewachsen und hatten einfach keine Möglichkeit, sich um ein schwerstbehindertes Kind zu kümmern.

Die meisten Kinder der Steinergasse sind bereits mit einer Behinderung auf die Welt gekommen. Diese hat sich über die Jahre weiter manifestiert. Selten sind es genetische Ursachen, meist waren es Frühgeburten und Geburtstraumata. Ein Kind ist im Alter von vier Jahren im Swimming Pool fast ertrunken und musste reanimiert werden. Eine schwere Behinderung ist zurückgeblieben.

Auch ein so genanntes "Battered Child“ wohnt in der Steinergasse. Es war eigentlich kerngesund, wurde aber als Baby von einem Angehörigen derart heftig geschüttelt, dass es heute ohne Stabilisation nicht einmal alleine sitzen kann. Jeder Zentimeter seines Körpers muss gestützt werden. Das Kind ist durch das Schütteltrauma erblindet und muss über eine Sonde ernährt werden. Es kommuniziert über seine Hautfärbung, seine Atmung und seinen Puls. Die Pfleger müssen immer sehr körpernah arbeiten, um die Bedürfnisse zu verstehen. Entfernt man so ein Kind von seiner Bezugsperson oder seiner gewohnten Umgebung, sei das katastrophal für seinen Zustand und seine Entwicklung.

Kurz vor Weihnachten, nach den Begehungen, wurden dieses und fünf weitere Kinder in andere Einrichtungen umgesiedelt. Ohne Vorbereitung. "Es war brutal. Ich habe danach eine halbe Stunde geweint“, sagt ein Mitarbeiter des Hauses.

Der chaotische Umzug dieser sechs Kinder war nun die Spitze des Eisberges einer offenbar längeren Geschichte von Missständen in der Steinergasse. Denn die Vorgänge in dem Wohnhaus entsprechen schon lange nicht mehr den Vorgaben der Behörden, wie dem KURIER berichtet wurde.

Warum ist es so weit gekommen?

Nach Einschätzung der ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter seien die groben Missstände in erster Linie eben den Inkompetenzen der Geschäftsführung zuzuschreiben. "Und dass es der Leitung offensichtlich auch egal ist, wie es den Kindern geht“, so ein Mitarbeiter. Die Annahme sei mehr als legitim: Trotz mehrmaliger Hinweise auf die Unterversorgung der Kinder von mehreren Seiten, wurde nichts unternommen. "Die Chefs behalten ihren Job, für sie hat das alles keine Konsequenzen und die Kinder müssen ausziehen, das ist unmenschlich. Und die Betreuer wurden nicht einmal gefragt, obwohl sie die wichtigsten Bezugspersonen sind.“

"Wollen nichts beschönigen"

Das Diakoniewerk reagiert auf Nachfrage in Absprache mit dem Jugendamt. Zu den Verfehlungen und den Vorwürfen heißt es: "Schon vor dem Sommer 2016 gab es in der Steinergasse einen Konflikt in der Mitarbeiterschaft und mit der Leitung, der damals zu einer hohen Mitarbeiterfluktuation geführt hat. Deshalb hat die Geschäftsführung gehandelt und die Hausleitung ausgetauscht. Trotz aller Bemühungen ist es nicht gelungen, die Situation für alle Beteiligten zufriedenstellend zu lösen."

Die Fehler in der Mitarbeiterführung und im Konfliktmanagement hätten dazu geführt, dass die Personalsituation bis heute angespannt ist. Die Leitung der Einrichtung habe jedenfalls den Ernst der Situation erkannt und bearbeite sie intensiv. "Es liegt uns fern, etwas zu beschönigen", so Daniela Scharer vom Diakoniewerk. Es sei sehr schwierig, für die herausfordernde Betreuungsaufgabe der Kinder mit schweren und mehrfachen Behinderungen schnell genug ausreichend qualifiziertes, neues Fachpersonal zu gewinnen. "In den letzten Wochen wurden die medizinischen Unterlagen aller Bewohner systematisch bearbeitet und die Lücken in der Dokumentation werden sukzessive geschlossen", erklärt Scharer weiter. Da die weitere Betreuung der Kinder keinen aufwändigen und zeitintensiven Restrukturierungsprozess erlaube, fänden derzeit in Abstimmung mit der MA11 Gespräche mit anderen Trägervereinen statt, die die Betreuung der Bewohner übernehmen sollen.

Dass es durch derartige Einrichtungen, die es lange Zeit nicht gab, behinderten Kindern möglich gemacht wird, nicht abgesondert leben zu müssen und ihnen einen familienähnlichen Lebensalltag zu erlauben, sei selbstredend eine gute Sache. Das betonen die Mitarbeiter. Kindern mit hohem Pflegebedarf soll auf diese Art eine bessere Lebensqualität geboten werden und sie könnten so ein Leben außerhalb des Krankenhauses führen. Dennoch müsse man darauf hinweisen, dass es hier massive Missstände gibt, die nicht nötig wären. Denn es fehle weder an der Finanzierung, noch an motiviertem Personal, es fehle hier in erster Linie an einer verantwortungsvollen Führung und Organisation des Hauses, damit diese Kinder ordnungsgemäß versorgt werden können. Scharer wurde im Interview mit "Wien heute" dann konkreter: "Als Diakoniewerk werden wir uns in Wien aus dem stationären Wohnangebot für Kinder mit Behinderung zurückziehen." Daniela Scharer vom Diakoniewerk wurde im Interview mit "Wien heute" am Samstag konkreter: "Als Diakoniewerk werden wir uns in Wien aus dem stationären Wohnangebot für Kinder mit Behinderung zurückziehen", sagte sie. - derstandard.at/2000050753129/Vernachlaessigung-in-betreuter-WG-Diakonie-steigt-aus