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Medizin
04/25/2014

"Verteilungskampf um Ressourcen"

Knapp 70 Tage müssen Brustkrebs-Patientinnen im Wiener AKH warten, bis sie eine Strahlentherapie erhalten. Patientenanwalt Gerald Bachinger im Interview.

von Josef Gebhard

Es sind Zahlen, die für Aufruhr sorgten: Knapp 70 Tage müssen Brustkrebs-Patientinnen im Wiener AKH warten, bis sie eine Strahlentherapie erhalten. Dabei ist eine möglichst rasche Behandlung entscheidend für die Heilungschancen. Bei vielen anderen Krebsarten und Krankenhäusern in Ostösterreich ist die Situation kaum besser. Das zeigen Daten, die der Wiener Strahlenmediziner Robert Hawliczek erhoben hat (der KURIER berichtete). Am Freitag treffen sich die Patientenanwälte von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland mit Vertretern der dortigen Spitalsbetreiber, um nach Auswegen aus der Misere zu suchen. Der KURIER hat vorab mit Niederösterreichs Patientenanwalt Gerald Bachinger gesprochen.

KURIER: Wo sehen Sie den Hauptverantwortlichen für die enormen Wartezeiten?

Gerald Bachinger: Natürlich liegt die Verantwortung bei der Politik. Wenn es derartig lange Wartezeiten gibt, können die bestehenden Bedarfsberechnungen nicht passend sein. Daher ist eine unserer Forderungen: Es braucht zunächst einmal eine wissenschaftliche Erhebung, wie der Bedarf nach Strahlentherapie aussieht.

Ist die Politik der alleinige Schuldige?

Es gibt hier offenbar auch gröbere Verteilungskämpfe um die finanziellen Ressourcen innerhalb des Gesundheitssystems. Die Krebstherapie umfasst zumindest drei Bereiche, die miteinander kombiniert werden: Chemotherapie, Chirurgie und eben die Strahlentherapie. Und gerade die Chemotherapie hat mit der Pharmaindustrie eine sehr starke Lobby hinter sich.

Was muss passieren, damit die Wartezeiten wieder zurückgehen?

Eines vorweg: Kurzfristige Lösungen darf man sich bei diesem Thema nicht erwarten. Es reicht nicht, in der nächsten Woche irgendwo einen neuen Linearbeschleuniger aufzustellen. Es braucht dazu auch das nötige medizinische und technische Personal. Zunächst muss hinterfragt werden, ob die bestehenden Ressourcen auch ausgelastet sind. Ich bezweifle, dass das in allen Spitälern der Fall ist. Aber auch eine vollständige Auslastung wird bestimmt nicht reichen: Man wird das Strahlentherapie-Angebot auch ausbauen müssen.

Wie soll das in Zeiten knapper Gesundheitsbudgets gehen?

Es gibt den gesetzlichen Auftrag, dass eine ordentliche Gesundheitsversorgung aufrecht zu erhalten ist. Da darf man sich erwarten, dass es keine besonders langen Wartezeiten gibt. Es gilt als unzumutbar, dass beispielsweise Patienten acht Wochen auf eine Hüftgelenksoperation warten. Es kann daher nicht sein, dass ein schwerstkranker Krebspatient vier bis fünf Wochen ausharren muss, bis seine Strahlentherapie beginnt. Man wird künftig Prioritäten setzen müssen. Wie die Aufteilung der Finanzierung zwischen Bund und Ländern aussieht, ist aus Patientensicht gleichgültig.

Ihre Erwartungen für den heutigen Runden Tisch?

Ich hoffe vor allem, dass die erhobenen Zahlen zu den Wartezeiten außer Streit gestellt werden. Ist das nicht der Fall, liegt es an den Spitalsträgern, ihre eigenen Zahlen auf den Tisch zu legen. Ich erwarte aber nicht, dass die Ergebnisse der Studie grundsätzlich in Frage gestellt werden.

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