Chronik | Wien
09.11.2017

"Patienten aus Psychiatrie oft zu früh entlassen"

Gerichtsgutachterin kritisiert im Prozess um Einweisung Kollegen

Der paranoid-schizophrene 28-Jährige, der einen Nachbarn mit einem Eisenhammer attackiert und schwer verletzt hatte, wurde am Donnerstag von einem Wiener Schwurgericht rechtskräftig in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

Der KURIER berichtete: Der Mann leidet seit fünf Jahren an der Krankheit, hört innere Stimmen, war mehrfach in Behandlung, Alarmzeichen wurden aber – wie in ähnlichen Fällen auch – nicht erkannt. Von der klinischen Psychiatrie würden Patienten "leider oft zu früh entlassen", kritisierte im Prozess die Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith.

Eine Woche vor der Tat hatte der Psychiater, bei dem der 28-Jährige in Behandlung war, seinem Patienten geraten, sich freiwillig in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Er könne seine Aggressivität allein nicht mehr beherrschen.

Amtsarzt

Der Kollege hätte allenfalls einen Amtsarzt beiziehen müssen, der eine Unterbringung in die Wege leiten hätte können, erläuterte Gutachterin Rossmanith. Der Arzt unterließ das, der Patient folgte dem Rat nicht, und am 1. August 2017 traf er in der Wohnhausanlage in Wien-Simmering auf sein 34-jähriges Opfer. Der Kranke fühlte sich von diesem provoziert, versetzte ihm zunächst im Vorbeigehen Faustschläge ins Gesicht, verpasste ihm dann einen wuchtigen Schlag mit dem Hammer und trat ihm noch in die Rippen, als der Nachbar bereits auf dem Boden lag. Andere Hausbewohner hörten die Hilfeschreie des Mannes und verständigten die Polizei.

Das Opfer erlitt vier Rippenbrüche, eine Schädelprellung sowie Rissquetschwunden. Er habe "die Beherrschung verloren", erklärte der von Anwalt Roland Friis verteidigte Kranke.