Chronik | Wien
19.07.2017

Österreichs erste First Lady Martha Kyrle gestorben

Die Tochter des Bundespräsidenten Adolf Schärf wurde 100 Jahre alt.

Im April empfing sie mich noch zum letzten Interview ihres Lebens. Martha Kyrle, die Tochter des Bundespräsidenten Adolf Schärf, feierte damals in bewundernswerter Frische ihren 100. Geburtstag. Jetzt ist sie in ihrer Wiener Wohnung gestorben. Sie war die erste First Lady der Zweiten Republik, zumal Schärfs Vorgänger Karl Renner und Theodor Körner weder Reisen unternahmen, noch Staatsgäste empfingen. Außerdem lebte Renners Frau Luise völlig zurückgezogen und Körner war Junggeselle.

Anfrage des Protokolls"Als mein Vater 1957 Bundespräsident wurde, war die Situation ganz anders", erinnerte sich Martha Kyrle. "Österreich hatte den Staatsvertrag und wollte sich öffnen, es war jetzt für die Wirtschaft und den Tourismus wichtig, das Land weltweit zu präsentieren." Da Schärfs Frau verstorben war, fragte das Protokoll der Hofburg bei Martha Kyrle an, ob sie die Rolle einer First Lady übernehmen wollte."Das war keine leichte Entscheidung", erinnerte sie sich im Interview zum 100. Geburtstag. "Ich musste meinen Beruf als Ärztin aufgeben, um mich voll dieser Herausforderung widmen zu können."Martha Kyrle absolvierte an der Seite ihres Vaters viele Staatsbesuche und war in Wien beim Empfang gekrönter Häupter dabei, darunter Königin Juliana der Niederlande, der Könige von Schweden und Dänemark und des thailändischen Königs Bhumibol mit Eherau Sirikit, die wie eine orientalische Märchenprinzessin bewundert wurde. Während die Staatsmänner über hohe Politik sprachen, kümmerte sich die First Lady um das Damenprogramm.

Vorerst Schauspielerin

Martha Kyrle wurde am 17. April 1917 als Tochter des Rechtsanwalts Adolf Schärf und seiner Frau Hilda in Wien geboren. Sie besuchte das Reinhardtseminar und war Schauspielerin, ehe sie Medizin studierte, Fachärztin für Dermatologie wurde und den prominenten Chirurgen Paul Kyrle heiratete.

Politischer und gesellschaftlicher Höhepunkt der achtjährigen Präsidentschaft von Adolf Schärf war das Gipfeltreffen John F. Kennedys und Nikita Chruschtschows im Juni 1961 in Wien, bei dem sich die 1500 nach Wien gereisten Journalisten mehr aufs Damenprogramm als auf die große Weltpolitik konzentrierten. "Das lag daran", verriet Martha Kyrle, "dass die Männer hinter verschlossenen Türen verhandelten und kaum etwas davon nach außen drang".

Alt-Bundespräsident Heinz Fischer hat bei einer früheren Gelegenheit Martha Kyrles "Verdienste und ihre vorbildliche österreichische Haltung" gewürdigt.