Chronik | Wien
16.12.2011

Österreich-Nachhilfe für Deutsche

152.000 Deutsche leben in Österreich. Um unsere Seele zu verstehen, bietet die Stadt Wien ihnen Österreichkurse an.

Nach Wien gelockt wurde Hans-Peter Spengler, 51, von Peter Alexander: „Dieser charmante Schmäh, das war Wien für mich“, sagt der gebürtige Deutsche. Im Jänner ist der Stuttgarter dem Ruf des großen Entertainers dann gefolgt und lebt seither in Wien. Den Schmäh kauft der Unternehmensberater den Wienern allerdings nicht mehr ganz ab: „Es war fast ein Schock, als ich dann mit der österreichischen Mentalität und diesem ständigen Grant konfrontiert wurde.“

Kulturschock

Um den Schock zu verkraften, nimmt Spengler nun Nachhilfe im Österreichischen. In Reih und Glied sitzen Spengler und rund 30 weitere Deutsche im Business Dress im Expat Center am Schmerlingplatz im 1. Bezirk. Vier Mal pro Jahr lädt das Expat Center der Wirtschaftsagentur Wien, einer Anlaufstelle für internationale Fach- und Führungskräfte, zusammen mit der MA 17 Neuankömmlinge aus Deutschland hierher.

„Liebe, Studium oder Beruf.“ Karin Spitra, selbst Deutsche und seit Jahrzehnten in Wien, kennt die Gründe, die ihre Landsmänner nach Österreich führen. Und sie kennt die Schwierigkeiten, mit denen sie hier konfrontiert sind: „Die deutsche Sprache ist für viele ein besonderer Anreiz, um in Wien zu arbeiten. Das ist allerdings irreführend“, sagt die Journalistin Spitra, die zusammen mit Jockel Weichert durch den Abend führt.

Das Publikum nickt zustimmend. Denn seltsame Erfahrungen mit dem Österreichischen haben hier fast alle gesammelt. Da wäre schon mal die Sache mit diesen seltsamen Wörtern: „,Urgieren‘ habe ich gar nicht verstanden, da habe ich an etwas ganz anderes gedacht“, schmunzelt einer der Teilnehmer. Ein anderer beklagt sich über die „wilde Verwendung der Artikel“ im Österreichischen: „Das“ Cola. Ein Kopfschütteln geht durch die Reihen der Deutschen.

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Problemfall Fußball

Doch auch wer beim Bäcker keine „Brötchen“ mehr bestellt, ist noch keineswegs assimiliert. „Wie verhalte ich mich denn hier beim Fußball-Gucken?“, fragt ein Teilnehmer. Auf das schallende Gelächter folgt betroffenes Schweigen im Expat Center. Denn „Fußball-Gucken“ im Land des Gegners ist definitiv kein leichtes Spiel. „Als ich bei der EM bei einem Tor der Deutschen gejubelt habe, wurde ich sogar körperlich bedroht“, sagt ein Deutscher. Den Spielen seiner Mannschaft folgt er seitdem nur noch im eigenen Wohnzimmer. Auch Spitra mahnt in diesem Punkt zu erhöhter Vorsicht: „Fußball ist vermintes Gebiet. Jubeln Sie besser verhalten!“

Fluchtachterl

Nicht nur im Pub, auch am Arbeitsplatz sehen sich die Zuwanderer vor Probleme gestellt. „Der Deutsche hat immer ein Minus vor dem Konto. Es dauert ewig, bis einen die Kollegen nach Feierabend zum Bier mitnehmen“, sagt ein Teilnehmer.

Dass das mit der Einladung mitunter etwas länger dauert als in der Heimat, bestätigt auch ein anderer Deutscher: „Aber wenn es soweit ist, lehren sie einem so wunderbare Wörter wie ,Fluchtachterl‘ und geben sich so herzlich wie in kaum einem anderen Land“, bricht er eine Lanze für seine neue Heimat.

Nach einem gut zweistündigen Austausch der Anekdoten und auch der ein oder anderen Telefonnummer geht es für Hans-Peter Spengler und seine deutschen Kollegen wieder ins winterliche Wien. Spitra gibt ihnen noch einen letzten Ratschlag mit auf den Weg: „Vergessen Sie nur niemals auf einen Titel!“