Abgetrennte Kabinen für Bim und Bus könnten Fahrer besser schützen. Die Nachrüstung ist aber teuer

© WIENER LINIEN/CHRISTOPH H. BRENEIS /Wiener Linien

Schulterschluss
04/22/2014

Öffi-Fahrer streiken für mehr Sicherheit

Mittwochfrüh herrscht bei den Wiener Linien Stillstand. Der Ruf nach besserer Überwachung wird lauter.

von Michael Berger, Birgit Seiser, Elias Natmessnig

Die Personalvertretung der Wiener Linien ruft am Mittwochfrüh bis 6:30 Uhr nach Attacken auf Mitarbeiter zur Betriebsversammlung auf. Unterstützt wird die Aktion aber auch von ÖBB-Personalvertretern und Taxi-Chauffeuren. Denn aggressive Fahrgäste attackieren auch hier die Mitarbeiter.

Auch wenn laut ÖBB-Management die Zahl der Übergriffe zurückgehe, gab es im Vorjahr 86 Attacken auf das Personal. "Zum Teil mit erheblichen Folgen für die Betroffenen. Heuer waren es 16 Angriffe", sagt ÖBB-Zentralbetriebsratsobmann Roman Hebenstreit.

Ein ähnliches Bild zeichnet Taxi-Obmann Christian Gerzabek: "Erst in der Nacht auf Dienstag wurde ein Kollege in den Rücken gestochen. 2013 gab es in Wien 50 angezeigte Gewaltdelikte gegen Taxler. Auf Mitarbeiter der Wiener Linien wurden 77 Attacken verübt.

Die Betriebsräte von ÖBB und Westbahn wollen das nicht länger hinnehmen und haben für Mittwoch zu Solidaritätsaktionen aufgerufen. "Bei Betriebsbeginn sollen alle S-Bahnen eine Minute lang das Signal Achtung ertönen lassen", sagt Heben­streit.

Sicherheitskampagne

Mehr als nur symbolischen Charakter haben auch die Gespräche, zu denen sich Betriebsräte der ÖBB sowie der Wiener Linien in den kommenden Tagen treffen werden. "Es ist wichtig, dass wir vernetzt sind und gemeinsam für mehr Sicherheit einstehen", verlangt Hebenstreit. Konkret fordert er mehr Sicherheitspersonal in den Zügen. Denn Kameras seien zwar sinnvoll, würden aber nicht genug abschrecken. "Nur Menschen können Menschen seriös schützen", meint der ÖBB-Betriebsrat.

Auch Wiens Taxichef, Gerzabek will bei einer Sicherheitskampagne mit von der Partie sein: "Wir brauchen ganz einfach mehr Respekt untereinander." Der ehemalige Taxi-Chauffeur verlangt aber auch ein Umdenken bei Österreichs Datenschützern. So kritisiert er offen den Gesetzgeber: "Wir wollten in unseren 4800 Taxis Video-Kameras einbauen. Pro Auto kostet das 100 bis 150 Euro. Die Bänder sollen, wenn nichts passiert ist, nach zwölf oder 24 Stunden gelöscht werden."

Doch Video-Kameras in Taxis müssen laut Datenschutz-Behörde zuerst geprüft, und vor Inbetriebnahme bewilligt werden. Gerzabek kritisiert: "Und die Geräte müssten verplombt werden. Diese Bürokratie kosten dann viel Geld."

Österreichs oberste Datenschützerin Andrea Jelinek aus dem Bundeskanzleramt dazu: "Um diese Vorschriften zu ändern, ist eine Novellierung der Standard- und Musterverordnung notwendig. Die Taxi-Innung kann sich gerne an uns wenden. Jede Anfrage wird umgehend beantwortet."

Kritik an der Betriebsversammlung der Wiener Linien kommt aus der Politik. "Das Anliegen der Mitarbeiter ist berechtigt, aber ob das Mittel das geeignetste ist, will ich dahingestellt lassen", sagte Bürgermeister Michael Häupl (SP) am Dienstag. "Damit signalisiert man den Menschen, die nichts dafür können – nämlich den Fahrgästen – dass das auf ihrem Rücken ausgetragen wird." Häupl plädierte aber dafür, die bereits eingeleiteten Sicherheitsmaßnahmen beschleunigt umzusetzen.

Kameras nehmen Anonymität

Für den Notfall-Psychologen Cornel Binder-Krieglstein bieten die Opfer "eine Projektionsplattform für den Aggressionsabbau der Täter". Soll heißen, dass Opfer und Täter einander gar nicht kennen: "In der Regel besteht bei solchen Delikten zwischen Betroffenen und Tätern keinerlei Zusammenhang oder Verbindung." Binder-Krieglstein ergänzt: "Die Opfer waren leider zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort."

Dabei sind Berufsgruppen wie Bim- und Busfahrer oder Taxilenker für einen Angriff geradezu prädestiniert. Denn die Anonymität eines Taxis und einer leeren Zuggarnitur machen es den Angreifern besonders leicht.

Von einer anderen Perspektive betrachtet müssen etwa Wiener Linien-Mitarbeiter versuchen, auffällige Fahrgäste verbal einzubremsen. Diese Zurechtweisungen bringen Menschen mit hohem Aggressions-Potenzial erst recht in Rage. Übergriffe sind vorprogrammiert. Auch Hass auf Uniformen und/oder die Ausländer-Problematik können eine Rolle spielen.

Für Psychologen Binder-Krieglstein ist Prävention, wie durch Video-Überwachung, unumgänglich: "Damit wird die gefährliche Anonymität genommen. Natürlich sind in Öffis auch eigene Fahrer-Kabinen hilfreich. Mit solchen Vorkehrungen werden aber nur Symptome, nicht aber Tat-Auslöser behandelt."

Nicht selten werden Menschen zu Tätern, die seit Jahrzehnten mit ungelösten Problemen leben. Dafür gibt es die Helpline des Psychologenverbandes. Informationen unter 01/504 8000.

Liste der Buslinien des Notbetriebs

N6: Westbahnhof - Grillgasse (Intervall: 7,5 min.)

N20: Kagraner Platz - Strebersdorf (15 min.)

N23: Kagraner Platz - Hausfeldstraße (15 min.)

N25: Kai, Ring - Großfeldsiedlung (7,5 min.)

N26: Kagran - Eßling, Schule (10 min.)

N29: Praterstern - Floridsdorf (10 min.)

N31: Schwedenplatz - Stammersdorf (10 min.)

N35: Nußdorfer Straße - Salmannsdorf (15 min.)

N38: Ring, Kai - Grinzing (10 min.)

N41: Schottentor - Pötzleinsdorf (10 min.)

N43: Schottentor - Neuwaldegg (10 min.)

N46: Ring, Oper - Joachimsthaler Platz (10 min.)

N49: Ring, Oper - Bhf. Hütteldorf (7,5 min.)

N60: Ring, Kai - Maurer Hauptplatz (7,5 min.)

N62: Ring, Oper - Speising (10 min.)

N64: Floridsdorf - Siebenhirten (7,5 min.)

N66: Ring, Kai - Liesing (7,5 min.)

N67: Quellenplatz - Inzersdorf, Großmarkt (15 min.)

N71: Ring, Oper - Kaiserebersdorf (10 min.)

N75: Ring, Oper - Gasometer (10 min.)

Bürgermeister plädiert dafür, die geforderten Sicherheitsmaßnahmen rascher umzusetzen.

Kritisch sieht die für Mittwoch von 4.00 Uhr bis 6.30 Uhr angekündigte Betriebsversammlung, durch die der Öffi-Betrieb für mehr als zwei Stunden lahmgelegt wird, der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ). "Das Anliegen ist berechtigt, aber ob das Mittel das geeignetste ist, will ich dahingestellt lassen", erklärte Häupl bei einer Pressekonferenz am Dienstag.

"Damit signalisiert man den Menschen, die nichts dafür können - nämlich den Fahrgästen -, dass das auf ihrem Rücken ausgetragen wird", so Häupl weiter. Stattdessen verwies der Bürgermeister auf die bereits zurückgegangene Anzahl an Übergriffen und plädierte dafür, die Sicherheitsmaßnahmen für Mitarbeiter wie die Videoüberwachung der Stationen und abgetrennte Fahrerkabinen in Straßenbahnen schneller umzusetzen. Denn diese hätten sich schon bewährt: Von 2012 auf 2013 habe sich die Anzahl der Übergriffe bereits um 23 Prozent reduziert, insgesamt habe es im vergangenen Jahr 77 Vorfälle gegeben.

"Die Maßnahmen sind bereits eingeleitet, jetzt sollen sie beschleunigt werden", meinte Häupl. "Denn natürlich ist jeder Übergriff einer zu viel." Neue Garnituren werden bereits mit etwa der abgetrennten Kabine ausgestattet. Er hoffe, dass die Um- und Aufrüstung innerhalb der Verkehrsbetriebe bis 2016 abgeschlossen sei.

Auch der Landesparteiobmann der Wiener ÖVP, Manfred Juraczka, sprach sich in einer Aussendung gegen diese Form des Protests aus: "Der Kampf für mehr Sicherheit in den U-Bahnen soll nicht auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen werden. Die Forderungen nach mehr Sicherheit sind legitim, ein de facto Lahmlegen des öffentlichen Verkehrs über mehrere Stunden ist aber definitiv das falsche Mittel." Er wünschte sich stattdessen eine Aufstockung der Wiener Bereitschaftspolizei in den U-Bahnen von 150 auf 200 Personen.

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