Chronik | Wien
09.01.2018

Obdachlos und pflegebedürftig: Wohin sollen diese Menschen?

Das Leben auf der Straße macht krank. Die Zahl der Obdachlosen mit Pflegebedarf steigt jährlich an. Doch für diese Menschen fehlt das Geld.

Günther Eberhartinger kann sich nicht an jenen Tag erinnern, an dem die Katastrophe geschah. Nicht einmal das Jahr will ihm heute noch einfallen. Schuld daran ist das Schädel-Hirn-Trauma, das ihm von dem schweren Unfall geblieben ist. Sein Schädelknochen wurde verletzt. Dadurch wurde sein Gehirn beeinträchtigt. Die zerebralen Gehirngefässe und auch die Hirnhaut wurden geschädigt.

Heute sitzt der 51-jährige im Rollstuhl. Der linke Arm ist gekrümmt, das eine Auge driftet in unterschiedliche Richtungen ab, während er spricht. Das Haar ist grau. Vor ihm auf der Fensterbank liegen zehn volle Schachteln Zigaretten. Er hat heute sein schönstes Hemd angezogen, wie er sagt. „Ich war immer nur Hilfsarbeiter. Ich hab‘ nie einen Beruf gelernt“, erzählt er mit leichtem Zungenschlag. Zu seiner Familie hat Günther Eberhartinger keinen Kontakt. „Da meldet sich niemand mehr“, sagt er und wirkt dabei nicht traurig, sondern abgeklärt. Er lebt schon seit einigen Jahren im Haus Jona der Caritas, ein Wohnhaus für pflegebedürftige obdachlose Menschen in Wien-Penzing.

Hier gibt es 50 Wohneinheiten, die immer voll belegt sind. Die Nachfrage ist groß. Manche der Bewohner kommen direkt aus dem Krankenhaus, die anderen direkt von der Straße. Günther, der es mehr mag, wenn man per du mit ihm ist und ihn beim Vornamen nennt, ist einer von ihnen. „Zu seinem Unfall weiß keiner wirklich viel. Alkohol dürfte im Spiel gewesen sein“, erzählt Ursula Riepl, eine der Sozialarbeiterinnen, die im Haus Jona arbeiten.

Dass bei seinem Unfall Alkohol im Spiel war, zweifelt Günther nicht an. „Ich war schwerer Alkoholiker. Wodka Ende nie“, sagt er und lacht herablassend über sich selbst. „Aber ich hab‘ es geschafft, bin weg von dem Dreck.“ Nach seinem Unfall, der - wie Riepl erzählt - wohl im Jahr 2007 passiert sein dürfte, ist Günther monatelang im Koma gelegen. Heute nimmt er zehn verschiedene Tabletten pro Tag. Kaum ist eine Zigarette aus, zündet er sich die nächste an.

Das Angebot des Hauses Jona richtet sich an ältere gering- bis mittelpflegebedürftige obdachlose Menschen und an Obdachlose, die wenig Pflegebedürftigkeit aufweisen, aber aufgrund psychischer Erkrankungen nicht alleine wohnen können. Der jüngste Bewohner ist 39, der älteste 77 Jahre alt. 12 davon sind Frauen.

Günther würde einen Platz in einem der großen Wiener Pflegewohnhäuser der Stadt Wien bekommen, da er anspruchsberechtigt wäre. Aber das möchte er gar nicht. Dort würde er sich nicht wohl fühlen. Das hier reiche ihm völlig, sagt er. Er hofft, dass er solange wie möglich im Haus Jona bleiben kann. „Hier ist es gemütlicher und familiärer als in so einer riesigen Einrichtung.“ Außerdem passe er gar nicht dorthin. Günther wippt die ganze Zeit über mit dem rechten Fuß. Sein Blick schweift abwechselnd zum Fenster hinaus, dann wieder in die Gesprächsrunde, dann wieder Richtung Laptop, auf dem er nebenbei unentwegt „Forge of Empires“ spielt. „Da muss man eine eigene Welt entdecken und aufbauen“, erzählt er grinsend und sagt das sei sein Lieblingsspiel.

Günthers Nachbarn hier im Haus Jona leiden fast alle an psychiatrischen Erkrankungen und an unterschiedlichen Suchtkrankheiten. Oft ist kaum konstruierbar, ob zuerst der Alkohol da war oder eine andere Droge. Viele leiden an einer schweren Alkoholdemenz. Günter ist nicht der einzige, der aufgrund von Alkoholmissbrauch einen Unfall hatte.

„Ein Paradebeispiel ist Herr Weber“, meint Riepl. „Bei diesem Bewohner fängt jeder Tag bei null an. Er hat überhaupt kein Kurzzeitgedächtnis mehr. Alles ist weg. Da arbeiten wir sehr viel mit Notizzetteln.“

Oder Herr Zirch*. „Den kenn' ich noch von früher von der Straße, den Gerhard Zirch“, sagt Günther. Vor 20 Jahren haben sie gemeinsam im Wienerwald gelebt und ihren Alkohol vergraben und vor anderen Obdachlosen versteckt. Jetzt wohnen sie hier im Haus Jona Tür an Tür. Heute schneidet Gerhard das Schnitzel vom Günther hilfsbereit in kleine Stücke, weil der doch nur noch eine funktionierende Hand hat.

Heftige Misshandlungen und psychische Erkrankungen

Viele der Bewohner hier haben jahrelange heftige Misshandlungen und Missbrauch erlebt. „Der Neue, der erst vor ein paar Wochen eingezogen ist, wurde schon als Kind immer vergewaltigt“, erzählt Riepl. Günther schüttelt den Kopf. „Was der arme Kerl erlebt hat, das reicht für zwei Leben.“ Doch er ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil. Viele Männer, die hier leben, haben mit massiven Missbrauchserfahrungen zu kämpfen – von der Straße, aus der Kindheit. „Das hat so tiefe Spuren hinterlassen, dass wir als Sozialarbeiter individuell sehen müssen, was an Entwicklung möglich ist, weil das bei jedem Menschen anders aussieht“, sagt Riepl.

Einige hier leiden an paranoider Schizophrenie. „Die sprechen mit ihren Dämonen“, erzählt Günther ernst. Oft ist es laut hier. Die Stimmen im Kopf bringen die Betroffenen manchmal zum Schreien. „Dann lassen wir sie einfach“, sagt Günther. Die Feuermelder im Haus sind besonders sensibel eingestellt, daher läuten sie auch oft. „Aber lieber auf Nummer Sicher gehen“, sagt Riepl.

Eine der zwölf Frauen, die hier wohnen, ist Selma C., die ursprünglich aus Bosnien stammt. „Sie ist im Jugoslawien Krieg damals dutzende Male als Kind vergewaltigt worden“, sagt Günther. Gerade zischt sie am Gang vorbei. Häkelpulli, braune schulterlange Locken, sie spricht mit sich selbst. Dann bleibt sie stehen und will mit dem Kopf gegen eine Türe schlagen. Geduldig schiebt einer der Sozialarbeiter seine Handfläche zwischen Selmas Stirn und die Wand und spricht auf sie ein. Sie zieht singend weiter.

Und dann gibt es noch den „Mann in Schwarz“, wie Günther ihn nennt. „Der ist immer schwarz angezogen“, sagt er erklärend. Der Bewohner leidet an einer Kombination aus Alkoholdemenz und starken Depressionen. Viele hier sind besachwaltet, freiwillig oder unfreiwillig. „Wenn ein Bewohner seine Medikamente nicht nehmen möchte, dann ist das seine freie Entscheidung. Solange wir mit ihn umgehen können und es für die anderen tragbar ist, kann er bleiben“, sagt Riepl. Was auffällt, die Toleranz unter den Bewohnern ist sehr hoch. „Sie können unterscheiden, ob ein auffälliges Verhalten aus einem Krankheitsbild resultiert oder nicht“, sagt Riepl.

Die Pflege der Bewohner wird über mobile Dienste organisiert. Mahlzeiten gibt es dreimal täglich in der hauseigenen Kantine. Die Wohneinheiten bestehen aus einer Kochnische und einem Wohn- und Schlafraum mit TV, Kasten und Bett.

„Die meisten hier haben jahrelang auf der Straße gehaust und haben dieses Martyrium überlebt, das muss man mal schaffen“, sagt die Sozialarbeiterin Riepl. „Wenn du die Straße hinter dir hast, wer soll dich dann noch sekkieren? Dann sind dir alle Leute ziemlich egal“, hängt Günther an und vertieft sich wieder in sein Computerspiel.

Vom Haus Jona in die „Zweite Gruft“

Neben den anspruchsberechtigen, pflegebedürftigen Obdachlosen wie Günther einer ist, gibt es aber auch jene, die nicht anspruchsberechtigt sind. Also obdachlose und pflegebedürftige Ausländer. Für diese Menschen gibt es in Wien nur eine einzige Anlaufstelle. Die „Zweite Gruft“ von der Caritas, gelegen in der Lacknergasse im 18. Wiener Gemeindebezirk - nicht weit von einer Polizeistation. Die „Zweite Gruft“ ist fast zur Gänze spendenfinanziert. Karge Ausstattung, Stockbetten, das Notwendigste. Das hauseigene Wohnprojekt KuWo bietet obdachlosen Menschen aus EU-Ländern für bis zu drei Monate eine Wohnmöglichkeit. Zudem gibt es etwas Verpflegung, Hygiene- und Waschgelegenheiten sowie sozialarbeiterische und medizinische Betreuung. Vorwiegend leben hier Langzeitobdachlose, die aus Spitälern in „häusliche Pflege“ entlassen wurden. Derzeit werden 45 Wohnplätze für Frauen und Männer angeboten. Anita aus Ungarn ist eine von ihnen. Sie stellt sich mit ihrem Vornamen vor.

Seit acht Jahren lebt sie in Wien. Ihr ungarischer Ex-Mann hat sie jahrelang misshandelt. An jenem Tag vor acht Jahren, als er wieder einmal betrunken nach Hause gekommen ist, hat er ihr den Kiefer gebrochen und ihr in den Hals geschnitten. Daraufhin ist sie mit 1500 Forint in den Zug nach Wien gestiegen und nie wieder zu ihm zurückgekehrt. Anita ist sowohl alkohol- als auch drogensüchtig und gilt als Langzeitobdachlose.

Enge Jeans, schwarzer Kapuzenpullover, blonder Zopf, Doc Martens an den Füßen. Im Gesicht sind große Narben zu sehen. Ihre Beine sind voll mit offenen Wunden. Eine typische Erkrankung vom Leben auf der Straße. Vielleicht muss ein Bein abgenommen werden, die Verheilung der Behandlung wird es zeigen. Außerdem hat sie sich vor Kurzem die große Zehe gebrochen, der Bruch verheilt leider sehr schlecht.

Früher hat Anita sich immer 1800 mg Morphium gespritzt, jetzt sind es 400. Früher hat sie zwei Liter Wein am Tag getrunken. Heute sind es maximal drei Dosen Bier. „Ich mag die Stadt Wien und die Menschen hier“, erzählt sie in starkem Akzent und tiefer, rauchiger Stimme. Sie sei sehr froh und dankbar, dass es eine Anlaufstelle wie diese gäbe, sie wüsste sonst nicht, wohin.

„Wir sind das einzige Angebot in dieser Form. Wir sind die einzige Einrichtung, wo gesundheitlich gefährdete nicht anspruchsberechtigte Menschen untergebracht werden. Wir sind immer voll und haben eine lange Warteliste“, erzählt die Sozialarbeiterin Stefanie Weitgasser. Schon oft musste sie Anfragen ablehnen. „Wir sind nicht barrierefrei, haben kein Pflegepersonal. Wir können es ab einem bestimmten Pflegegrad einfach nicht schaffen. Zu wenig Ressourcen“, sagt Weitgasser und wirkt sichtlich mitgenommen.

Fast alle Bewohner hier haben offene, eitrige Wunden an den Beinen, auch madige Wunden oder festgewachsene Socken. Auch Beine, die am Verrotten sind. Diese Wunden, sofern noch möglich, müssen sorgfältig gepflegt werden, die Verbände müssen regelmäßig gewechselt werden. Hier leben viele TBC-Ausheiler. „Fast die Hälfte der Klienten“, sagt Weitgasser. Diese Krankheit hätten sie oft schon aus der Heimat mitgebracht. TBC bricht bei gesunden Menschen nicht aus. Aber durch das Leben auf der Straße leidet das Immunsystem und man wird anfälliger dafür. Chronische Krankheiten hingegen werden in diesem Haus abgelehnt, da es hier vorrangig um Erholung und gesundheitliche Verbesserung ginge.

„Wir können nur einen Teil der Menschen, die in der Zweiten Gruft leben wollen, aufnehmen. Es gibt aber leider sehr viele, denen es noch weit schlechter geht. Die zu schwach sind, um auf der Straße zu sein. Für diese Menschen gibt es keinen geeigneten Platz“, sagt Weitgasser. Sie spricht von Menschen, die nicht mobil sind oder beispielsweise Sauerstoffflaschen oder andere medizinische Versorgung brauchen. In solchen Fällen bleibe eigentlich nur ein Krankenhausaufenthalt oder eine Rückkehr. Beides sei schwierig.

Es fehlt an Geld

„Ein immer größer und schwieriger werdendes Thema sind Menschen, die obdachlos und gleichzeitig pflegebedürftig sind“, betont auch Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas. Das Leben auf der Straße mache krank. Und über die Jahre werde die Zahl der Obdachlosen mit Pflegebedarf höher. „Dieses Pflegeangebot können die Notquartiere derzeit nicht leisten. Und viele der Betroffenen haben mangels Anspruchsvoraussetzungen auch in Pflegeheimen keinen Platz. Die Konsequenz: Es kommt zu einem häufigen Wechsel zwischen Krankenhaus- und Notquartiersaufenthalten.“

Ein Dauerwohnangebot mit pflegerischen Zusatzangeboten für verfestigt obdachlose Menschen, die keinen Anspruch auf pflegerische Leistungen haben, wäre dringend nötig. Ähnliches gelte für obdachlose Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die Unterstützungsangebote müssten vielschichtiger und engmaschiger sein. Aber, es fehle am Geld.

*Name von Herrn Zirch von der Redaktion geändert