Seit drei Jahren lebt Hedy auf der Straße.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Wien
08/22/2016

Obdachlos: Ex-Politikerin wohnt jetzt im Zelt

"Supertramp" Hedy steht zu ihrem Schicksal und führt Interessierte durch "ihr Wien".

von Michaela Reibenwein

Hedy ist nicht auf den Mund gefallen. Das mag daran liegen, dass sie 17 Jahre lang in der Politik war. Aber mit Sicherheit auch daran, dass sie seit drei Jahren obdachlos ist. „Ich steh dazu“, sagt sie und fragt gleich in die Runde: „Schau ich aus, als wär’ ich obdachlos?“ Tut sie nicht. Hedy hat lange, gepflegte Haare, trägt unauffällige dunkle Kleidung. „Das ist auch nicht notwendig. Das entspricht nur dem Klischee.“

Hedy spricht über ihr Leben. Das war nicht immer so. Am Anfang, sagt sie, hat sie sich natürlich geniert. Davon merkt man heute nichts mehr. Vor einer Gruppe erzählt sie ihre Geschichte. Denn Hedy ist quasi Stadtführerin. Als „Supertramp“ (siehe Zusatzbericht) macht sie wöchentlich Führungen durch „ihr Wien“.

Essen aus der Tonne

Ihr Revier liegt im sechsten und siebenten Bezirk. Bei einer Mülltonne am Loquaiplatz bleibt sie zum ersten Mal stehen. „Stell dir vor: Du hast Hunger. Was brauchst?“ Hedy zeigt auf die Mülltonnen. „Da sind Lebensmittel drin, das kannst dir gar nicht vorstellen.“

Die 58-Jährige war früher selbstständig. „Ich war nie krank, hab nie Arbeitslose bezogen“, sagt sie. Dann erlitt ihre Mutter einen Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Sieben Jahre bis zum Tod pflegte sie die Mutter und erbte gemeinsam mit dem Bruder das Haus. „Jetzt bekomm’ ich keine Unterstützung, weil ich ein Haus hab’. Nur: Mein Bruder kann mich nicht auszahlen ... Soll ich ihn pfänden lassen?“ Hedy schüttelt energisch den Kopf.

„Ich war psychisch ganz unten“, sagt sie. „Da bin ich in den Wald gegangen.“ Denn in die Obdachlosen-Unterkünfte wollte sie nicht. „Da schlafen zum Teil 80 Leute in einem Raum. Es gibt viele, die psychisch krank sind. Das pack’ ich nicht.“

Irgendwo in der Stadt zu schlafen, das wollte Hedy auch nicht. „Das Problem ist: Ich bin weiblich. Deshalb schlaf ich weder in Parks, noch auf der Donauinsel.“ Also hat sie sich irgendwo im Wald ein kleines Zelt aufgestellt. Dort schläft sie. Dort hat sie ihren wenigen Besitz versteckt. „Theoretisch ist das verboten“, weiß sie. Und hält auch deshalb ihr Platzerl geheim.

Untertags ist sie ohnehin in der Stadt anzutreffen. Dorthin geht sie zu Fuß. „Weil ich ja keinen Fahrschein für die U-Bahn habe. Das schränkt mich am meisten ein.“ Ein paar Mal ist sie schon beim Schwarzfahren erwischt worden. Unendlich peinlich ist ihr das.

Hedy stoppt vor der „Esther“, einem Tageszentrum in der Gumpendorfer Straße. Gleich davor findet sich ein buntes Rabattl. Hedy hegt und pflegt es. Königskerzen stehen neben Thymian und Lavendel. Das Garteln ist ihre Leidenschaft. „Ich hab’ den ersten Studienabschnitt Biologie gemacht und bin ausgebildete Naturgärtnerin.“

Geheimes Leben

Und dann gibt es noch ein paar besondere Platzerln für sie. Eines davon ist in der Kandlgasse. Dort befindet sich die „Schatzkiste“ – Anrainer geben hier ab, was sie nicht mehr brauchen. Bücher, Häferln, Parfüms und sogar ein Waschbecken sind hier abgestellt. „Da freuen wir uns irrsinnig“, sagt Hedy. Doch das absolute Paradies für sie steht ein paar Ecken weiter – ein offener Bücherschrank. „Lesen ist für mich so wichtig. Das Tollste überhaupt.“

Hedy hat zwei erwachsene Kinder. Dass ihre Mutter auf der Straße lebt, davon wissen sie nichts. „Ich wollte nie, dass sie sich verpflichtet fühlen“, erklärt sie. Dass sie es vielleicht aus der Zeitung erfahren könnten, das macht ihr nichts aus. „Ich bin neugierig, wie sie reagieren.“

www.supertramps.at

Sie sollen den Weg raus schaffen

KURIER: Warum beteiligen Sie sich an diesem Projekt?

Katharina Turnauer: Meine Familie hat im Jahr 2009 die Stiftung gegründet. Ein ähnliches Projekt haben wir bereits in Prag realisiert. Und um so etwas zu machen, braucht es mehr als eine gute Idee und Geld. Nämlich auch einen Businessplan. Durch unser Prag-Projekt konnten wir uns da schon viel Wissen aneignen.

Aber warum gerade Obdachlose?

Das ist kein Thema für den Otto-Normalverbraucher. Wir wollen keine "Gemma Obdachlose schauen"-Touren. Wir wollen zeigen, dass es oft unglückliche Zufälle sind, die Menschen auf die Straße bringen. Scheidung, Job weg, Wohnungsverlust. Das geht verdammt schnell. Und wir wollen, dass die Teilnehmer die Augen öffnen, dass sie menschlich mit den Obdachlosen umgehen.

Und wie ist Ihr persönlicher Zugang?

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ich nur freiwillig nicht in einem Bett geschlafen habe. Ich habe lange mit Mutter Teresa zusammengearbeitet. Da habe ich einen anderen Blick auf die Menschen gewonnen. Wir haben doch alle Hunger nach Liebe. Das macht uns sehr ähnlich. Und die Schwachen und Weggelegten wieder in die Gesellschaft zurückzuholen – das bereitet eine tiefe Freude.

Aber nicht jeder Obdachlose sucht Liebe.

Das stimmt schon. Man darf nicht naiv sein, nicht jeder hat einen Heiligenschein. Aber wir wollen den Bemühten helfen, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen, soziale Kompetenzen zu entwickeln – etwa Pünktlichkeit einhalten und Vertrauen entwickeln.

Was bringt das Projekt den Obdachlosen?

Langfristig sollen sie wieder den Weg raus schaffen. In Prag hat das bisher ein Teilnehmer geschafft. Er hat jetzt wieder eine Anstellung und eine Wohnung. Und es soll auch eine Gemeinschaft unter den Teilnehmern entstehen. Allein schaffen wir nur wenig.

Supertramps

Entstehung

Zwei Frauen, eine Idee: Theatermacherin Valerie Kattenfeld und Katharina Turnauer wollten zeitgleich so ein Obdachlosen-Projekt starten – und fanden über Cecily Corti (VinziRast) zueinander. Im Dezember 2015 wurde der Unterstützungsverein von der Katharina Turnauer Privatstiftung gegründet.

Hintergrund

Acht Obdachlose bieten derzeit Stadtführungen durch Wien an. In der 90-minütigen Tour führen sie durch Einkaufszentren, soziale Einrichtungen, Hinterhöfe oder Märkte. Gleichzeitig erzählen sie ihre persönlichen Geschichten.

Teilnahme

Nähere Infos zu den Touren unter: www.supertramps.at; Anmeldung ist unbedingt notwendig. Der Kostenbeitrag ist eine freie Spende; Richtwert: 15 Euro (exkl. Trinkgeld).